Gaudium et Spes in der Freiburger Rede

Auf dem Weg zur Entweltlichung, Teil 2. Direkt nach der Papstreise habe ich einen Blick auf die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes geworfen. Einige Beobachter hatten in den Reden des Papstes Zitate aus dem Konzil entdeckt, ein ganz großes Stück findet sich in der Rede Benedikt XVI. in Freiburg. Und wenn wir uns der Rede in Freiburg ausführlicher widmen, dann darf ich noch einmal dieses Stück aus dem Konzil zitieren.

Es geht um das Verhältnis von Staat und Kirche, vor allem aber auch um die vom Papst angesprochenen Privilegien.

 

Gaudium et Spes, Nr. 76

Sehr wichtig ist besonders in einer pluralistischen Gesellschaft, dass man das Verhältnis zwischen der politischen Gemeinschaft und der Kirche richtig sieht, so dass zwischen dem, was die Christen als Einzelne oder im Verbund im eigenen Namen als Staatsbürger, die von ihrem christlichen Gewissen geleitet werden, und dem, was sie im Namen der Kirche zusammen mit ihren Hirten tun, klar unterschieden wird. Die Kirche, die in keiner Weise hinsichtlich ihrer Aufgabe und Zuständigkeit mit der politischen Gemeinschaft verwechselt werden darf noch auch an irgendein politisches System gebunden ist, ist zugleich Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person.

Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom. Beide aber dienen, wenn auch in verschiedener Begründung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen. Diesen Dienst können beide zum Wohl aller um so wirksamer leisten, je mehr und besser sie rechtes Zusammenwirken miteinander pflegen; dabei sind jeweils die Umstände von Ort und Zeit zu berücksichtigen. Der Mensch ist ja nicht auf die zeitliche Ordnung beschränkt, sondern inmitten der menschlichen Geschichte vollzieht er ungeschmälert seine ewige Berufung.

Die Kirche aber, in der Liebe des Erlösers begründet, trägt dazu bei, dass sich innerhalb der Grenzen einer Nation und im Verhältnis zwischen den Völkern Gerechtigkeit und Liebe entfalten. Indem sie nämlich die Wahrheit des Evangeliums verkündet und alle Bereiche menschlichen Handelns durch ihre Lehre und das Zeugnis der Christen erhellt, achtet und fördert sie auch die politische Freiheit der Bürger und ihre Verantwortlichkeit. Wenn die Apostel und ihre Nachfolger mit ihren Mitarbeitern gesandt sind, den Menschen Christus als Erlöser der Welt zu verkünden, so stützen sie sich in ihrem Apostolat auf die Macht Gottes, der oft genug die Kraft des Evangeliums offenbar macht in der Schwäche der Zeugen. Wer sich dem Dienst am Wort Gottes weiht, muss sich der dem Evangelium eigenen Wege und Hilfsmittel bedienen, die weitgehend verschieden sind von den Hilfsmitteln der irdischen Gesellschaft. Das Irdische und das, was am konkreten Menschen diese Welt übersteigt, sind miteinander eng verbunden, und die Kirche selbst bedient sich des Zeitlichen, soweit es ihre eigene Sendung erfordert. Doch setzt sie ihre Hoffnung nicht auf Privilegien, die ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden. Sie wird sogar auf die Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, dass durch deren Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt ist, oder wenn veränderte Lebensverhältnisse eine andere Regelung fordern.

Immer und überall aber nimmt sie das Recht in Anspruch, in wahrer Freiheit den Glauben zu verkünden, ihre Soziallehre kundzumachen, ihren Auftrag unter den Menschen unbehindert zu erfüllen und auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen es verlangen. Sie wendet dabei alle, aber auch nur jene Mittel an, welche dem Evangelium und dem Wohl aller je nach den verschiedenen Zeiten und Verhältnissen entsprechen. In der Treue zum Evangelium, gebunden an ihre Sendung in der Welt und entsprechend ihrem Auftrag, alles Wahre, Gute und Schöne in der menschlichen Gemeinschaft zu fördern und zu überhöhen, festigt die Kirche zur Ehre Gottes den Frieden unter den Menschen.

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11 Antworten auf Gaudium et Spes in der Freiburger Rede

  1. Inge Klein sagt:

    “Indem sie nämlich die Wahrheit des Evangeliums verkündet und alle Bereiche menschlichen Handelns durch ihre Lehre und das Zeugnis der Christen erhellt, achtet und fördert sie auch die politische Freiheit der Bürger und ihre Verantwortlichkeit.”

    Das Wort Papst Bendedikts XVI von der “Entweltlichung” der Kirche in der Freiburger Rede würde ich gerne aufgreifen und (quasi interdisziplinär) präzisieren als eine notwendige “EntScheinweltlichung” der Kirche.

    An anderer Stelle hat er auch einmal geäußert, dass die Kirche in Deutschland zuviel Geld hätte. Dies wurde verschiedentlich in Zusammenhang gesehen mit der Forderung nach “Entweltlichung”.
    Damit die Kirche ihre apostolische Sendung, d.h. die Verkündigung und Bezeugung der Wahrheit an alle Menschen, erfüllen könne, müsse sie auf Distanz zu ihrer Umgebung, gehen. Diese Umgebung wird als Welt bezeichnet, genauer als materielle und politische Manifestation.
    Genügt es nun zur “Entweltlichung”, wenn die Kirche sich als unmittelbarer Marktteilnehmer des Weltbild Verlages entledigt, weil eine Diversifikation, die allen moralischen und ethischen Ansprüchen Genüge leistet, nicht effizient umsetzbar ist? Oder dass sie auf die eine oder andere vertragliche Entschädigungsleistung des Staates verzichtet?

    Ohne hier tief in ökonomische Fragestellungen einsteigen zu wollen, möchte ich doch zum besseren Verständnis mit ein paar Beispielen zeigen, dass die Marktwirtschaft oder der Kapitalismus (ebenso die Planwirtschaft) im Grunde eine Scheinwelt darstellt. So wird in der Volkswirtschaftslehre mit rein theoretischen Modellen gearbeitet, der Mensch als homo öconomicus definiert, was der Komplexität der Person nicht gerecht wird. Auch die Folgen der Emanzipation des Finanzmarktes mit seinen Scheingeschäften ist noch bei allen präsent. Die Märkte substituieren mit den angebotenen Produkten die Bedürfnisbefriedigung der Teilnehmer scheinbar, das hält natürlich nicht an und es muss wieder nachgekauft werden. Ein weiteres Beispiel ist der Geldschein, er hat ja so gut wie keinen Realwert, seinen Wert garantiert bei uns der Staat, (manchmal ists auch da nur ein schöner Schein).
    Diese verkürzten Beispiele aus der Ökonomik sollen nur aufzeigen, dass das, was als “Welt” bezeichnet wird, eine Scheinwelt ist, voller Illusionen und Entfremdung. Die Kirche ist hierin teils aktiv, teils reaktiv verwoben.
    Fragt die Kirche z. B. nach, ob die abgeführte Kirchensteuer auf christlich einwandfreie Art und Weise verdient wurde? Genauso die Spenden? Wiegt sie sich nicht auch hier im schönen Schein auf der sicheren Seite zu stehen, weil sie ja nur mittelbar an der Kapitalherkunft beteiligt ist?

    Um die Kraft ihres Zeugnisses zu stärken, sollte sich die Kirche im Sinne des Papstes also “entscheinweltlichen” und zur Inkarnierung der Wahrheit und Liebe muss sie sich verweltlichen, d.h. real die Welt in und mit und durch Christus gestalten. Nach dieser Wahrheit seufzt und sehnt sich die ganze Schöpfung.

    Verzeihen Sie die verkürzte und unzureichende Darstellung von Beispielen aus der Ökonomik, aber mein Kommentarbeitrag findet aus leserorientierten Gründen hier seine Grenze.

    • Annemarie Wachsmann sagt:

      Inge Klein, Entfremdung ist ein guter Ausdruck. Dass die Spenden der Christen redlich verdient werden, muss sie schon annehmen, irgendwann muss auch Kirche glauben..

  2. Annemarie Wachsmann sagt:

    Muss man nicht bei der Entweltlichung befürchten, dass man eines Tages ganz draussen ist?”Religion ist Privatsache” macht sich z.B. in Berlin breit.

  3. Peter Strauss sagt:

    Liebe Frau Klein, das ist ein Thema für einen einwöchigen Kongress. Sicher auch ein regionales Problem das in Bayern anders ist als in Berlin. Für mich stellt sich die Frage, ob sich die Kirche wirklich entweltlichen soll. Ist das Problem ncht eher die “Entkirchlichung” der Welt?

    • Inge Klein sagt:

      Lieber Herr Strauss,

      ja, das Thema ist sehr komplex und sprengt den Rahmen des Kommentarbereichs eines blogs.
      Die Kirche steht ja immer in dem Spannungsverhältnis, in der Welt, aber nicht von dieser Welt zu sein. Insofern ist es ein ständiger Prozess, systemregulativ zu wirken. Ein Kongress könnte dazu eventuell hilfreich sein.
      Zu Ihrer Annahme der Entkirchlichung der Welt. Das sehe ich ähnlich, ganz prägnant hat sich das auch in Ihrem Metier, im Gesundheitswesen ausgebildet.
      Bis Mitte des letzten Jahrhunderts war die stationäre Pflege ja noch fest in der Hand von Ordensschwestern, die unbezahlt caritativ, also für Gottes Lohn und ohne geregelte Arbeitszeit tätig waren. Die innere Motivation getragen durch den Glauben war vergleichsweise hoch. Heute arbeiten hier bezahlte Pflegekräfte, die Professionalisierung macht aus Pflegepersonal Kostenfaktoren, die zu entsprechenden Rationalisierungsmaßnahmen führen. In diesem Bereich gibt es inzwischen eine hohe Durchlaufquote bzw. eine kurze Verweildauer im Pflegeberuf. Umgangssprachlich gesprochen: Die Leute brennen aus. Für mich ist das ein bitteres Beispiel für Entkirchlichung der Welt.
      Unsere Gesellschaft ist heute zwar reicher an Geld, aber es geht wohl mit einer inneren Verarmung einher.

  4. Annemarie Wachsmann sagt:

    Herr Dr. Strauss, in Berlin ist Kirche bereits so “entweltlicht”, dass man als Katholik um seine Existenz bangen muss. Es gibt, ausser in kirchlichen Schulen, keinen Religionsunterricht, nur Katechese und der Bildungsnotstand ist abgrundmäßig.Das Theater um den neuen Erzbischof war Christenverfolgung.Der Papstbesuch ebenso.Dann mußte der Erzbischof einen Eid auf die Verfassung schwören.Was tut Kirche denn den Berlinern?Die Kirchen sind auch tagsüber wegen Vandalismus verschlossen.Die Gemeinden leben von Stiftungen und Freundeskreisen.Das nichtklerikale Personal ist ehrenamtlich.Jede auch noch so kleine Aussage eines kirchlichen Würdenträgers wird von den Medien verhackstückt. Medien, die keine Ahnung auch nur von Grundlagen kirchlichen Lebens haben oder Theologie oder was sich in Rom abspielt.Ich sehe da keine Privilegien.

    • Peter Strauss sagt:

      Liebe Frau Wachsmann, da fällt mir ein “Wahlspruch” ein, der in einer Bayerischen Schloßkirche steht: “Extra Bavariam nulla vita, et si est vita, non est ita”, soll etwa heißen außerhalb Bayerns gibt es kein Leben, und wenn, dann kein solches. Die erste “Entkirchlichung” hat uns ja die Aufklärung mit der daraus resultierenden Säkularisation beschert. Damals gab es aber noch genügend Einsichtige, die rasch die Notbremse gezogen haben und vieles wieder repariert haben ( Abtei Frauenchiemsee etc. ) So etwas ist heute nwohl nicht in Sicht. Wenn Sie und ich und andere aber Beispiel offen geben, wird das Saatkorn irgendwann schon wieder aufgehen. Eine gute Adventszeit wünsche Ich Ihnen.

      • Annemarie Wachsmann sagt:

        Dazu möchte ich unseren Erzbischof zitieren..er verspricht sich Glaubenserneuerung von den geistlichen Gemeinschaften, von denen es in Berlin satt und genug gibt.

      • Annemarie Wachsmann sagt:

        Ich bin zuversichtlich, Herr Dr. Strauss..die schlafende Christenheit wird wohl auf die Barrikaden gehen..

  5. Annemarie Wachsmann sagt:

    entkirchlichung, die welt ohne religion, als könnte man so dem tod und dem elend davonlaufen.

  6. Pingback: Entweltlichung bei Rudolf Bultmann: Zum Verständnis der Freiburger Rede | Laudetur Jesus Christus

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