Gretchenfrage

Faust würde heute von Gretchen eine andere Frage gestellt bekommen als die, wie er es denn mit dem Glauben halte. Er würde gefragt werden, was das denn koste. „Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles“ hat sie ja vorsichtshalber schon sagen dürfen, diesen Satz hätte Goethe sicherlich noch prominenter platzieren müssen.

In Brasilien wird protestiert, weil die Großveranstaltungen zu viel kosten bzw. das Geld in Kanäle verschwindet, wo es nicht hingehört. Das war beim Confederations-Cup so und wird wohl auch bei der Weltmeisterschaft und bei den Olympischen Spielen so sein. Und natürlich auch jetzt, beim WJT. Und wir hier stimmen ein: Sind die Kosten nicht zu hoch?

Dabei weiß keiner so genau, was die Kosten sind. Einige Angaben sind so absurd hoch, die müssen wirklich selbst das verkaufte Eis am Straßenrand eingerechnet haben. Und die, die sagen, wie die Kosten sich aufteilen, bleiben ungehört.

 

Es lohnt sich, auch wenn es kostet

 

Aber trotzdem bleibt ja die Frage, ob das nicht zu viel Geld ist und ob das nicht anders besser angelegt wäre. Ich meine nein. Und zwar aus zweierlei Gründen. Zum einen ist der Weltjugendtag wichtig, die dort angereisten Menschen zeigen es, dass es sich lohnt. Und wenn ich unsere Korrespondentin von vor Ort höre, dann passiert da unglaublich viel: Begegnung, Austausch, Dialog, Gespräch, und das alles interkulturell und über Kontinente hinweg. Ja, das kostet Geld, für lau ist das nicht zu haben. Ja, das können sich nur bestimmte Kontinente und Länder überhaupt leisten und andere sind per se ausgeschlossen. Das ist alles richtig, aber irgendwo muss man doch anfangen. Wenn wir warten, bis wir eine Lösung für alles auf einmal haben, kommen wir nie zu was.

Zweitens leben wir in einer Umsonst-Kultur. Nix darf was kosten, das Internet macht es vor. Es gibt aber nichts, was nichts kostet. Irgendwo steckt immer Arbeit und Material und dergleichen drin. Dafür schenken viele Ehrenamtliche unendlich viel Zeit. Und vieles muss eben auch bezahlt werden. Ich finde das nicht ehrenrührig. Wenn ich bedenke, für was sonst Unsummen ausgegeben werden, dann ist so ein Weltjugendtag sicherlich der bessere Anlass.

 

Wer entscheidet, was sich lohnt?

 

Und vielleicht noch etwas Drittes, aber das ist eher eine Vermutung: So was lässt sich nicht in Kosten – Nutzen berechnen. Auch das ist ja versteckt in der Frage, ob es nicht zu viel kostet. „Lohnt sich das?“, „ist es das Wert?“ Dahinter verbirgt sich eben die Anmaßung, von außen – quasi von oben – und vom Schreibtisch aus entscheiden zu dürfen, was sich denn lohnt. Und wer sind wir, schon wieder von Europa aus diese Frage mahnend zu stellen? Warum lassen wir die Kirche vor Ort und die Menschen vor Ort nicht entscheiden, ob es das Wert ist oder nicht?

 

Niemand ist hungrig, dumm oder arm wegen des WJT

 

Ein Weltjugendtag kostet Geld. Aber wegen des WJT wird keine Schule geschlossen, wird keine Essensausgabe wegrationalisiert, wird keine Favela für Luxuswohnungen platt gemacht, bleibt kein Mensch dümmer oder ärmer oder hungrig. Die Kosten müssen kalkuliert und abgewogen werden, das will der gesunde Menschenverstand. Aber dann darf man auch den Glauben feiern oder zumindest aus der Ferne den Menschen vor Ort das Feiern gönnen.

 

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