Jenseits bürgerlicher Religion

Vorläufer und Begleiter habe ich einen Blogeintrag genannt, in dem es darum geht Theologen nach zu denken, die auf der gleichen oder einer ähnlichen Spur sind wie der Papst, es ging um Karl Rahner. Noch offensichtlicher als bei Rahner kann man viele Gleichklänge bei einem Rahner-Schüler finden, bei Johann Baptist Metz. Dem bin ich vor wenigen Tagen – auch mehr oder weniger zufällig – beim Durchblättern einiger lang nicht mehr angefasster Bücher wieder begegnet.

Nicht alles ist dasselbe, es gibt verschiedene Gewichtungen und beide – der Papst und Metz – kommen eigenständig zu ihren Aussagen, auch wenn sie sich zum Teil aus denselben Quellen speisen. In jedem Fall lohnt es sich aber, beide parallel zu lesen, allein um die Korrespondenzen zu sehen und vielleicht neue Blickrichtungen auf den Papst zu gewinnen.

„Haben wir nicht selbst die Betreuungskirche so sehr verinnerlicht, dass wir meinen, alles an kirchlicher Erneuerung hinge schließlich davon ab, dass die Betreuer, also vorweg der Papst und die Bischöfe, sich ändern? Tatsächlich geht es darum, dass die Betreuten sich ändern und sich nicht einfach wie Betreute benehmen.“ Das sagt Metz in einem Text, der „Jenseits bürgerlicher Religion“ heißt und bereits 1980 erschienen ist. „Deshalb sollten wir auch jenen Mangel an Bußfertigkeit und Selbstkritik, den wir in der Kirche, speziell bei unseren kirchlichen Amtsträgern, beklagen, wenigstens bei uns selbst überwinden.“

 

Selbstkritik und Bußfertigkeit. Bei uns.

 

Für Metz steht das Bild einer ‚Initiativ-Kirche’ dahinter, die jenseits der Verbürgerlichungen lebt. Initiative versteht sich als das Gegenteil von versorgt werden, es steht für seinen Glauben selber in die Hand zu nehmen. Und diese Kirche beginnt nicht mit dem Warten auf Entscheidungen, sondern bei den Gläubigen selbst.

Metz sieht die Gefahr der Verwandlung des Christentums in eine bürgerliche Religion, also die Gefahr, dass wir die Erneuerung der Kirche auf Basis der bürgerlichen Religion suchen, die „als besonders ‚fortschrittlich’ und gar ‚befreiend’ vorkommen mag“. „Die bürgerliche Gesellschaft ruht nicht, bis die Religion zu ihr und zu ihren Plausibilitäten passt“. Oder an einer anderen Stelle in demselben Text: „Der Bürger lässt die Religion nicht mehr an sich heran, er bedient sich ihrer, wenn er sie ‚braucht’.“

Das Feindbild für Kirche ist also klar: Die verbürgerlichte Kirche. Neulich erst hatte ich das Vergnügen, mit Menschen zu sprechen, die ganz und gar begeistert waren von der „armen Kirche für die Armen“, von der gesellschaftlichen und politischen Wucht, welche die Worte des Papstes auslösen. Aber konkret darf das dann nicht werden, als ich all das ansprach, was sich die Kirche mit dem vielen Geld so leistet, wurde man ganz schnell defensiv, ‚das alles brauchen wir aber doch!’ Das mag schon sein, es ist aber auffällig, dass Armut abstrakt gut ist, konkret dann aber schon nicht mehr. Das ist ein Effekt der verbürgerlichten Kirche.

Das Problem bei dieser Kirche ist, dass sie vorgibt, was Glaube und Gott sein darf und welchen Stellenwert Gott zugewiesen werden darf. Man unterwirft Glaube, Religion und Gott also bürgerlichen Funktionalismen, damit alles glatt und schön und ohne anzuecken verläuft. „Diese bürgerliche Religion fordert nichts, tröstet aber auch nicht. Gott ist in ihr zwar zitierfähig, aber kaum mehr anbetungswürdig,“ sagt Metz.

 

Bekehrung!

 

Und dann wird es spannend, denn hier zieht Metz eine Linie, die Richtung Zukunft weist. Wo der Papst etwa in Evangelii Gaudium beschreibend und würdigend bleibt, blickt Metz für Europa voraus. „Wo sich unsere Kirchen bewusster und entschiedener als bisher der Zumutung entziehen, Institutionen bürgerlicher Religion zu sein, öffnet sie sich einer basiskirchlichen Zukunft.“ Das wird dann ein Anfang einer Kirche als „Kirche des Volkes“.

Deutlich wird besonders die politische und gesellschaftliche Bedeutung, die so etwas mit sich bringt: „(Hier hilft) nur eine bis in die Wurzeln gehende Umkehr, die auch die ökonomischen Grundlagen unseres gesellschaftlichen Lebens einbezieht.“ Klingt vertraut, oder? „Diese Wirtschaft tötet“ und dergleichen ist eben Teil eines glaubenden Lebens und Denkens.

Interessant auch die Forderung, dass es eine „bis an die Wurzeln gehende Umkehr“ brauche. Ich finde in dem Text nicht die vertrauten und angegrauten Forderungen, mit denen die bürgerliche Religion vorgibt, alle religiösen Probleme lösen zu können. Das ist ein genuin religiöser Ansatz: Die Umkehr. Diese ist – auch das macht der Satz von Metz klar – nicht rein spirituell und innerlich zu verstehen, sondern hat gesellschaftliche Wucht. Umkehr betrifft nicht nur mich und meinen Gott im Gebet, Umkehr hat Folgen in meinem und unserem Leben. Das nimmt dem Begriff auch die etwas angestaubte Bedeutung, die wir manchmal damit verbinden. Und es zeigt, dass Umkehr keine Verharmlosung von Problemen ist, in dem ich sie ins Innere hinein verlagere.

Das alles ist kein voraus geschriebener Kommentar zu dem, was der Papst heute sagt. Aber die Lektüre von Metz hat mich doch sehr inspiriert, einige Passagen zum Beispiel in Evangelii Gaudium oder in meiner täglich wachsenden Sammlung von Papstaussagen neu zu lesen. Und davon gibt es sicherlich noch mehr.

 

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20 Kommentare zu Jenseits bürgerlicher Religion

  1. KRP sagt:

    Klar soll eine Umkehr zum Glauben, zur Religion nicht allein nur spirituell und innerlich verstanden werden sondern sollte in einem menschlichen Leben Folgen haben, Früchte tragen, aber nicht von außen aufdiktiert. Wo Menschen sich bevormundet fühlen sieht man ja das sie sich irgendwann erheben. Egal wo das ist, in Staaten, im eigenen Land, in Schulen, der Familie oder wo auch immer. Wo die Not zu groß wird, wird sie irgendwann zu Tage treten. Jedoch kann eine Umkehr auch erst dann beginnen wenn jeder zuerst mit sich im Reinen ist, oder nicht? Vor der Umkehr seht meines erachtens doch erst mal ein suchen und finden und das sollte denke ich schon im inneren stattfinden, natürlich auch mit Hinweisen von außen. Da hat Metz sicher recht nur mit Zitaten ohne e i g e n e s D e n k e n geht es bestimmt nicht. Folgen einer Umkehr können sicher erst geschehen wenn man sich seinen Zweifeln und seinen angestaubten Ansichten öffnet und bereit ist alle Seiten anzusehen und zu verstehen. Erst dann kann Neues geschehen. Ist bestimmt wieder zu einfach gedacht und ohne akademischen Hintergrund.

    • KRP sagt:

      Sorry das ich noch was anfüge, mir ist noch etwas eingefallen…Jesus hat sich bestimmt nicht den Normen der bürgerlichen Gesellschaft angepasst. Das mag bestimmt auch für jeden und auch für mich bedeute, mich nicht anzupassen sondern gemäß Jesus seinem Willen folgen, der Liebe, und dem Unrecht oder das was einem nicht passt anzubringen auch wenn es nicht immer von Vorteil ist oder anderen in den Kram passt.

      • S.G. sagt:

        Ich war im Pfarrgemeinderat sehr engagiert und machte den Vorschlag, dass die Gemeinde sich mehr nach außen hin öffnet (Peripherie gehen), auf die Leute zugeht. Zum Beispiel: Die Gemeindemitglieder, die neu hinzugezogen sind, persönlich zu Hause besuchen. Nach dem Gottesdienst noch ins Gespräch über das Evangelium / die Predigt kommen. Basteln für Kinder in der Vorweihnachtszeit – die Eltern können in Ruhe Weihnachtseinkäufe machen. Verkauf von gespendeten Sachen für das Kinderhospital in Bethlehem, usw. Jeder Vorschlag wurde abgewimmelt. Ich bekam immer mehr den Eindruck, dass sich unsere Gemeinde nur um sich selbst kreist und nicht offen für das Evangelium ist (man geht fleißig in den Gottesdienst und organisiert Feste für sich selbst, aber bitte kein Aufgeben der Wohlfühlkuschelkirche!!!!!!!!). Da ich meine Freude über Jesus in unserer Gemeinde nicht weitergeben konnte (durch tätige Nächstenliebe) bin ich in der Hospizarbeit gelandet. Hier kann ich meine Dankbarkeit und Freude über das Geschenk Jesu an andere weitergeben. Ich denke, dass es in vielen Gemeinden so läuft und nicht der fehlende Glaube hält die Menschen von der Gemeinde/Kirche ab, sondern wie die Gemeinde gelebt wird ist für die meisten abschreckend und somit nicht anziehend. Die Volkskirche(verbürgerlichte Kirche) hat sich überlebt. Das was die Pfarrgemeinden heute den Menschen bieten, können die Vereine viel besser ausfüllen (Feste, Geselligkeit, Gemeinschaft). Die Predigten kann man über das Internet runterladen, dazu müsste man nicht in die Kirche gehen (wenn ich eine Predigt von unserem Pfarrer gut finde, gebe ich einige Stichworte im Internet ein und ich erhalte sie prompt wortwörtlich aus dem Internet und kann dann sogar besser darüber reflektieren als im Gottesdienst, da ich sie schwarz auf weiß vor mir liegen habe ;O)). Ich persönlich gehe nur noch in die Kirche wegen der Eucharistie, weil diese mir Kraft für mein Leben gibt. Ich finde deshalb die Zusammenschlüsse von mehreren Pfarreien zu einem Verbund nicht so schlimm, denn ich empfinde unsere Gemeinde nicht als Gemeinschaft. Das einzige, was uns zusammenhält ist Jesus durch die Eucharistie. Nur wenn man sich bekehrt hat („Initiativkirche“) kann man das Evangelium in die Tat umsetzen. Der Jesuit Karl Rahner formulierte 1966 den seither vielzitierten Satz: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er werde nicht mehr sein. Dieser Satz von 1966 ist heute aktueller denn je. Papst Franziskus lebt es vor. Meine Entscheidung, nicht mehr in unserer Gemeinde tätig zu sein, finde ich jetzt durch Papst Franziskus voll bestätigt. Wenn man von Jesus erfüllt ist, kann man nicht mehr vor sich hindümpeln, man muss aktiv sein, in Bewegung sein. Wenn man vom Heiligen Geist ergriffen ist, kann man auf einmal Dinge, die man sich vorher nicht zugetraut hat (Hospizarbeit). Unser Papst ist auch erfüllt vom Heiligen Geist, denn wie ist es zu erklären, dass er so viel „in die Wege leitet“ – in seinem Alter!?!

        • Silvia Brückner sagt:

          Liebe S.G., Ihre Erfahrungen decken sich im Wesentlichen mit meinen eigenen un dürften für die meisten deutschen Kirchengemeinden so zutreffen. Ich war allerdings nie im Kirchengemeinderat und strebe das auch nicht an.
          Aus ganz ähnlichen Gründen wie Sie kann ich in der Zusammenlegung mehrerer Gemeinden nichts Schlimmes finden sondern sehe darin eher einen Vorteil.
          Ich bin in unserer Gemeinde seit gut eineinhalb Jahren Lektorin und das sehr gerne und da werde ich auch gebraucht, mehr werde ich aber wohl nicht machen.

          Seit einem guten Dreivierteljahr habe ich auch eine Beauftragung als Wortgottesdienstleiterin, da habe ich mich aber etwas zurückgezogen, weil es „hinter den Kulissen“ nicht so ganz gestimmt hat.

          Ich war von Beruf Sozialarbeiterin mit langjähriger Berufserfahrung und erwäge auch, mir eine ehrenamtliche Tätigkeit auf diesem Gebiet zu suchen, aber nicht innerhalb der Gemeinde. Allerdings muss ich erst noch eine große Operation hinter mich bringen, vor der ich mich noch drücke, und abwarten, wie es mir danach gehen wird.

        • KRP sagt:

          Eine Frage habe ich zu Ihrem Text. Ist das was Sie geschrieben haben nicht genau das was Franziskus nicht möchte, der Gemeinde den Rücken kehren? Ist das nicht genau ein berieseln lassen? Die Menschen gehen nur in den Gottesdienst für Eucharistie und Predigt. Was nützen da die ganzen schönen Worte, Predigten, Bücher und Zitate die nur der Berieselung dienen? Aber sicher habe ich das wieder mal ganz Missverstanden. Menschen die mitdenken gehen weg weil sie sich nicht einbringen dürfen, weil es nicht gewünscht wird. Wahrscheinlich liegt es daran das Sie sich nicht genug eingebracht haben „in einem Predigtgespräch bei einem Glas Bier“? So ähnlich wurde das in einem Kommentar an jemanden geschrieben. Sieht für meine Begriffe ganz so aus als wolle man nur Menschen die sich berieseln lassen ohne mitdenken. Wer mit denkt sucht sich Ausweichmöglichkeiten wo man mehr geschätzt wird und Anerkennung findet die es anscheinend in den Gemeinden nicht zu geben scheint. Woran das wohl liegen mag? Bestimmt daran das man den Menschen nicht zutraut, dass er ganz eigene Gedanken, Sichtweisen, Zusammenhänge erkennen kann, die nur ihm so zukommen.

          • Silvia Brückner sagt:

            KRP, ich verstehe nicht so ganz, was Sie mir sagen wollen.
            Ich glaube nicht, dass nur Menschen gefragt sind, die sich „berieseln“ lassen, man soll schon was tun, aber ohne groß eigene Gedanken einzubringen.
            Üblicherweise werden z.B. bei uns sämtliche Ehrenämter von Kirchengemeinderäten ausgeübt, fast jeder hat fünf, sechs oder noch mehr Ehrenämter, da sind „Quereinsteiger“ nicht gern gesehen. In meinem Fall ist es beim Lektorendienst anders, weil da wirklich jeder gebraucht wird und es muss einem natürlich auch liegen, eine Lesung vor der Gemeinde vorzutragen, deswegen finden sich nicht Viele dazu bereit und wenn ich diesen Dienst regelmäßig ausübe, gehe ich ja nicht von der Gemeinde weg, ich halte mich lediglich anderweitig zurück, weil ich niemandem etwas wegnehmen will. Und wenn ich mir überlege, meine berufliche Qualifikation und Erfahrung woanders einzubringen, kann ich darin keinen Fehler erkennen.

          • KRP sagt:

            Mein Beitrag ist nicht an Sie gerichtet liebe Silvia sondern war an S.G. und im übrigen ist es nichts anderes von ganz weggehen habe ich auch gar nichts geschrieben sondern das man sich woanders einbringt wo man mehr Anerkennung findet. Wo geschätzt wird seine Gedanken einzubringen. Ich weiss schon bin ja kein Gelehrter und hab mich sicher wieder falsch ausgedrückt.

          • KRP sagt:

            eben das habe ich doch geschrieben eigene Gedanken sind gar nicht gefragt.

        • chrisma sagt:

          @Silvia Brückner zum einen bin ich fest davon überzeugt, dass Menschen die gerade durch persönliches Leid, Krankheit o.ä. gehen, sehr wohl imstande sind, gerade im Stande sind, diese wichtige Erfahrungen weiterzugeben. Seit wann ist dies ein Ausschluss Kriterium von was auch immer? Die Haltung des Herrn Diakon scheint mir grenzwertig. Ich will keine empirische These daraus machen, aber Männer und dazu gehören Priester und Diakone ohne Zweifel, tun sich mit dem Thema „Brustkrebs“ ein wenig schwer. Umso mehr freue ich mich zu hören, dass Sie offensiv damit umgegangen sind, sich Hilfe gesucht und auch gefunden haben. Nochmal zurück zu „meiner Gemeinde“, jeder katholische Mensch hat die Möglichkeit sich seine Gemeinde auszusuchen, dies ist kein Privileg oder hat mit dem Stand zu tun. Klar gibt es auch in unserer Gemeinde Probleme die es zu bewältigen gilt. Aber es ist die Mischung die diese Gemeinde „rund“ macht. Viele Harz IV Empfänger, ältere Menschen die von Grundsicherung leben müssen weil unser Sozialsystem versagt hat, also alles was die bundesrepublikanische Wirklichkeit so zu bieten hat und eben die, die mal eben so in die Kirche huschen weil da eben doch noch was ist. Und einmal hab ich meinen Traum von Kirche, der dem Ihren ja ähnelt auch in Wirklichkeit gesehen. Es ging darum das Sozialticket /verbilligtes Ticket für Harz IVEmpfänger bei der Stadt durchzusetzen, die absolut nicht wollte, also DEMONSTRATION. Oh es war ein schönes Bild: vorneweg die Salsa Trommelgruppe der Antifa Gruppe eine bunte Mischung aus friedlichen Anarchisten und bunten Punks, dahinter klar Caritas und Diakonie, die diversen Selbsthilfegruppen und alles was so mit muss, aber dazwischen mit buntbemalten Pappschildern Franziskaner und Dominikaner im Habit. Und unser Stadtdechant latschte auch mit, sogar auch mit Pappschild. Gut war das, schön war das. So soll es sein. Wir haben das Sozial Ticket !!! Ihnen alles Liebe.

          • Silvia Brückner sagt:

            Hallo Chrisma, das von der Demo klingt ja super. Ich stelle mir gerade vor, unser Papst wäre auch mitmarschiert ….

            Das hat mich ja auch so sehr getroffen, dass diese absolute Verständnislosigkeit von einem mann kam, noch dazu einem Kirchenmann….
            übrigens ist der Herr Diakon in meinem Alter, verheiratet und Vater von mindestens zwei erwachsenen Töchtern. Vom zölibatären Pfarrer konnte ich die „Sprachlosigkeit“ noch eher verstehen, zumal er sowieso nicht mit Krankheiten umgehen konnte.

            bin mal gespannt, wie sich das Alles entwickeln wird:

            Der Pfarrer hat die Stelle gewechselt, ein neuer ist noch nicht in Sicht, aus zwei Seelsorgeeinheiten wird bis zum Herbst eine und Anfang Juni zieht die „Offene Kirche“ samt Pfarrbüro in die City, neben die Kirche. Bisher war das Pfarrbüro im Pfarrhaus, eine Bushaltestelle von der Kirche entfernt in einer ganz unauffälligen Seitenstraße.
            Wer leitender Pfarrer wird, steht schon fest, das ist der Pfarrer der zweiten Seelsorgeeinheit, noch jung, sympathisch und hat einen guten Ruf. Und für die City wird ein so genannter Pfarrvikar gesucht, der muss aber erst gefunden werden.

            Jedenfalls wird der leitende Pfarrer sein Büro vom Stadtrand in die City verlegen.
            Die Karten werden jedenfalls neu gemischt und das ist gut so.

  2. chrisma sagt:

    Zuerst @Silvia Brückner, wenn ich Ihren Beitrag lese gehen mir viele Gedanken durch den Kopf „ Meine Gemeinde“ ist beheimatet im Stadtkonvent der Dominikaner. Da um den Konvent herum nur noch wenige Menschen wohnen, ist sie eine Art Sammelbecken für verschiedene Menschen geworden. Suchende, Menschen, Menschen die in ihren Gemeinden nicht klargekommen sind usw. usf., auch ich habe mir diese Gemeinde gesucht. Nach unserer Rückkehr aus Lateinamerika konnte ich mich in der typisch deutschen Gemeinde nicht zurechtfinden. Sie haben das an anderer Stelle mal sehr schön beschrieben. Nun ist hier im Stadtkonvent meine kirchliche Heimat und für eine ehrenamtliche Sozialarbeiterin wäre Arbeit genug. Es gilt die Armenküche zu betreuen, das meint zwar auch Gemüse putzen, aber doch mehr den Menschen, die dort Essen kommen und übrigens „bedient“ werden, also als Gast geehrt werden, im Gespräch zu begegnen und auch Hilfestellung in der einen oder anderen Lebensfrage zu leisten. Dazu kommt die Betreuung des Wärmemobils (Winter), einer unserer Pater betreut die Gefangen im nahe gelegenen Stadtgefängnis und hat den Armenbeitrat in unserer Stadt gegründet. Arbeit ohne Ende liebe Silvia. Es ist eine Gemeinde in und an der Peripherie, der in diesen Tagen so viel beschworenen. Aber auch die spirituelle Arbeit hat ihren Platz, es gibt einen Arbeitskreis „Katharina von Siena“ und sehr zu meiner persönlichen Freude einen Philosophie Gesprächskreis. Die Liturgien sind durch das dominikanische Charisma geprägt. Dazu gehören auch fulminante, wunderbare Predigten, die nach der Samstagabend Messe durch Gespräche aufgearbeitet, diskutiert werden können und dürfen. Dazu gibt es auch ein oder gar zwei Bier. Jeder kann trinken was er mag. Da geht es nicht um „Berieselung“ sondern darum mit Menschen ins Gespräch zu kommen die zwar noch ein „Gefühl“ für Gott haben, aber der Kirche den Rücken zugewandt haben, manche sind bereits aus der Kirche ausgetreten. Natürlich gibt es kein“ Ideal“, aber ich denke das diese Form die Stadtgemeinde der Zukunft werden könnte. Es steht und fällt aber alles mit der Bereitschaft unserer Kirche sich zu öffnen, die Botschaft Jesu in den Mittelpunkt des Handelns zustellen und nicht vorgefertigte Formeln wie und was Glaube zu sein hat in den Mittelpunkt zu stellen. Ach ja es gibt auch noch jedes Jahr ein großes Fest der Armen- Küche, auf einem der wichtigsten Plätze in der Altstadt in der Nähe des Konvent. Mit selbstgekochter Erbsensuppe, viele Ständen mit selbstgebackenem Kuchen, Obdachloseninitiativen stellen sich vor, und und und. Eine Rockband spielt, es wird auf der Straße getanzt (so ein, im dominikanischen Habit rockender Pater hat was) und es gibt oh Sodom , Gomorrha und Berieselung auch Bier….. So kann Kirche auch sein mitten in Deutschland.
    PS liebe Silvia Ihnen viel Kraft für die bevorstehende Operation, nicht weiter aufschieben, mutig ran und durch. Lassen Sie darüber von sich hören….

    • Silvia Brückner sagt:

      Liebe Chrisma, danke für Ihre liebe Antwort. So eine Gemeinde wie die Ihre wäre ein Traum für mich.

      Bei uns gibt es auch eine „Offene Kirche“, für die ist ein hauptamtlicher Diakon zuständig. Im Herbst 2010 suchte man dafür ehrenamtliche Mitarbeiter. Ich habe mich gemeldet, war bei dem Diakon und man kam ins Gespräch.

      Als er hörte, dass ich Sozialarbeiterin bin, bekam er ein langes Gesicht und sagte mir, sein Angebot sei niederschwellig und sie wollten „keine Beratungsstelle eröffnen“. Aber damit nicht genug.

      In dem Gespräch erzählte ich dummerweise, dass ich im Frühjahr 2009 zwei Operationen wegen eines ganz, ganz frühen Brustkrebsstadiums gehabt hatte, ich kam sehr glimpflich davon, bin brusterhaltend operiert worden und hatte keine belastenden Nachbehandlungen. Aber als ich darüber sprach, damals, erst eineinhalb Jahre danach, kamen Emotionen hoch und meine Stimme war nicht ganz fest.

      Der Diakon hat mir in kalten Worten gesagt, dass er mich nicht gebrauchen kann, weil ich ja noch so sehr mit mir beschäftigt sei und auch seelisch die Krankheit noch nicht überwunden habe. Meine Frage, ob er das nicht verstehen könne, beantwortete er mit einem kalten, harten „Nein“.

      Ich habe mich dann schnell verabschiedet denn ich wollte ihm nicht die Genugtuung geben, mich weinen zu sehen.

      Aber ich war seelisch so fertig, dass ich mir danach ein paar Gespräche mit einer psychotherapeutisch ausgebildeten Ärztin in meinem Brustzentrum gegönnt habe, etwas, was ich unmittelbar nach den Operationen nicht gebraucht habe und auch nicht, als ich ein Jahr nach den OP`s eine Biopsie an der gesunden Brust hatte, da war zum Glück alles gutartig.

      Aber der Diakon hat mich so fertig gemacht, dass ich dann therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen musste.

      Übrigens arbeitet die Ärztin nicht mehr im Brustzentrum, weil die Krankenkasse ihre Arbeit dort , die sie neben ihrer eigenen Praxis geleistet hat, nicht bezahlt hat.

      In den Gesprächen hat sich übrigens herausgestellt, dass die Ärztin auch praktizierende Katholikin war und sich gar nicht so sehr über mein Erlebnis gewundert hat, natürlich war sie als Therapeutin neutral.

      Ich habe dem Pfarrer, der mich übrigens gut kannte, diese Erfahrung geschildert, aber da bekam ich nicht mal Antwort.

  3. KRP sagt:

    Hallo liebe Silvia habe mir hier noch Gedanken gemacht und hoffe ich werde richtig verstanden. Es ist bestimmt ganz schön das es Menschen gibt die sich ihre Gemeinde aussuchen können. Aber was machen diejenigen wie z.B. die Alten, Behinderten, Armen und Arbeitslosen die in ihren Stadteilgemeinden festsitzen ohne Pfarrer, ohne Ehrenamtlichen, die sich ja andere Gemeinden gesucht haben. Die weder ein Auto noch so gut zu Fuß sind, die weit zu gehen, fahren müssten um in Gemeinden zu kommen wo es ein aktives gutes Gemeindeleben gibt. alles schön und gut wenn man noch aktiv teilnehmen kann und dann? Was machen diejenigen die nicht die Möglichkeit haben sich ihre Gemeinde auszusuchen? Na ja Hinzen und Kunzen sind vermutlich selber Schuld nicht zu den Auserwählten zu zählen sondern zu den sogenannten „Kleinen“ zugehören. Eben Pech gehabt.

    • KRP sagt:

      An die Peripherie gehen heißt meines erachtens das man auch dahin geht wo nicht das tolle Gemeindeleben ist. Da wo keine Kreise angeboten werden da wo nichts ist etwas zu schaffen.

      • Silvia Brückner sagt:

        Liebe KRP, ich bin 63 Jahre alt, alleinstehend und gesundheitlich angeschlagen und ein Auto habe ich seit sechseinhalb Jahren nicht mehr. Ich gehöre sicher nicht zu den „Auserwählten“, und wie oben schon von S.G. beschrieben, ist das ach so tolle Gemeindeleben mit Festen und diversen Angeboten meist gar nicht so toll, weil Viele davon nicht erreicht werden, oft ausgegrenzt werden.

        • KRP sagt:

          Ja, liebe Silvia das ist mir doch klar und so sieht es doch in den meisten Gemeinden aus. Da gebe ich Ihnen schon recht die meisten werden gar nicht erreicht.

  4. Günter Nold sagt:

    Die Darlegungen von Metz halte ich für sehr zukunftsweisend, da sie uns Kriterien zum Überdenken des eigenen Handelns als Christ an die Hand geben und darüber hinaus auf Gemeindeebene und im größeren Maßstab einerseits das Selbstbewusstsein der Laien stärken und andererseits einen Weg markieren hin zu einer Kirche der Armut im Sinne des Evangeliums, auch wie in Benedikts Rede in Freiburg angedeutet.

  5. Martina Baro sagt:

    Das mit der „Kirche des Volkes“ wird spätestens dann Makulatur, wenn das Kirchenvolk von seinem Bischof einen Priester vor Ort erbittet. In der Regel wird die Verantwortung an höhere Stelle verlegt, siehe „viri probati“. Sprüche haben wir in den den letzten vierzig Jahren bis zum Überdruss gehört. Wenn die Empfehlungen der Würzburger Synode im Vatikan angekommen sein sollten, ist es ja schön. Auf eine Empfangsbestätigung wartet die „Kirche des Volkes“ bis heute. Von einer Umsetzung ganz zu schweigen. Aber Franziskus schwebt ja über solchen Marginalien…man hat ja genug mit Händeschütteln und Abknutschen zu tun. Was schert, wer unter uns Papst ist?

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