Kirchensteuer, entweltlichte

Papst Benedikt XVI. fährt im Papamobil im Olympiastadion Berlin ein

Deutschlandreise: Berlin, 22. Sept 2011

Es ist vielleicht bezeichnend, dass die Neuregelung des Kirchenaustritts in Deutschland ausgerechnet zum Jahrestag des Papstbesuches kommt, geht es doch letztlich um die Frage, was das Spezifikum des Glaubens ist und ob es dazu des Geldes, der Steuer bedarf. Diese Diskussion hatten wir im vergangenen Jahr ausgiebig im Anschluss an die Rede des Papstes in Freiburg, Stichwort “Entweltlichung”.

Bezeichnend finde ich dieses Zusammentreffen der Daten deswegen, weil es in Deutschland kaum möglich ist, beides getrennt zu verhandeln. Die beiden Themen – Kirchenmitgliedschaft und Steuer – sind ineinander verwoben.

 

Also doch Entweltlichung der Kirchensteuer?

“Können Sie mir eventuell erläutern, wie der Begriff der “Entweltlichung” mit dem Erlass der dt. Bischöfe zum Kirchenaustritt zusammenhängt?” So eine kurze eMail an unsere Redaktion vor einigen Tagen. Meine erste Reaktion: Die hängen nicht zusammen. Es ist eben genau dieses Missverständnis, dass der Papst in Freiburg mit seinem Begriff der “Entweltlichung” die Kirchensteuer gemeint habe, gegen das ich vor einem Jahr und danach in diesem Blog angeschrieben habe. Es geht Benedikt XVI. um etwas Grundsätzliches, das alle angeht, um mehr als nur die Frage de Steuer.

Wer austritt, tritt aus. Das ist keine Frage der Steuer. Wer sich der Kirchensteuer wegen Gedanken mach, ob er überhaupt noch dazu gehören will, für den ist vieles bereits entschieden. Der Freiburger Kirchenrechtler Helmut Zapp hat in seinem Rechtsstreit vor Gericht nun dasselbe Ergebnis bekommen: Auch das Bundesverwaltungsgericht sieht es so, dass man nicht aus der zivilen Verfasstheit der Kirche austreten und gleichzeitig Katholik bleiben kann.

Dazu muss man sagen, dass sehr viele – der Sekretär der Bischofskonferenz spricht zwei Dritteln – der Katholiken sowieso keine Kirchensteuer zahlen, weil sich diese nach dem Einkommen bemisst. Ist es zu niedrig, wird nicht gezahlt. Hat man kein Einkommen, weil man Kind, Rendner etc ist, sowieso nicht. Es ist also mitnichten ein Schröpfen von Gläubigen.

 

Wo bleibt der Glaube?

Aber hinter alledem liegt ja ein ganz anderer Vorwurf: Durch das ganze Geld würde der Glaube – der wahre und richtige Glaube – in der Kirche keine Rolle mehr spielen. Die neue Austrittsregelung würde nun noch sichtbarer den Glauben und die Sakramente an das Bezahlen von Steuer binden, und das sei unredlich. Geld könne nicht der Punkt sein, an dem sich die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft der Kirche entscheide. Was ist die “eigentliche Kirche”, wie viele in der Kontroverse um die Steuer es nennen?

Und der Anschlussvorwurf: Da der rechte Glauben keine Rolle mehr spielen würde, finanziere das Geld Dinge, die dem Glauben widersprächen. Und die Gefahr ist ja nicht zu unterschätzen: Wir sind als Glaubensgemeinschaft kein Verein wie andere auch. Wir sind nicht, was der Sprecher der österreichischen Pfarrerinitiative “Kirchenbürger” genannt hat. Steuern sind der Preis, den wir für eine zivilisierte Gesellschaft bezahlen, aber eben nicht für Gnade und Sakrament. Wenn der Glaube in den Hintergrund tritt, dann besteht die Gefahr, dass “innerweltliche” Kriterien die Debatte und das Selbstverständnis übernehmen.

 

Womit ich wieder oben angekommen bin: Beide Ebenen sind in den deutschsprachigen Kirchen untrennbar miteinander verwoben. Damit bin ich aber auch beim Sprechen von der Entweltlichung. Letztlich müssen wir uns fragen, von wem wir uns die Kriterien vorschreiben lassen, wer und was wir sind, was Kirche ist, wie wir uns selber verstehen. Tun wir das nach “weltlichen” Maßstäben oder haben wir unsere eigenen, am Glauben und der Kirche gewonnenen Maßstäbe?

 

Wir sind keine Kirchenbürger

Wir sind keine Kirchenbürger. Aber wir sind Mitglieder einer Kirche, von der Jesus wollte, dass sie in der Welt sei, wie das Evangelium sagt. Er selber ist Mensch geworden und hat seine Freunde und Jünger eben genau nicht aus der Welt herausgenommen. Aber wir dürfen uns eben nicht von der Welt vorschreiben lassen, wer wir denn zu sein haben. Das – unter anderem – meint Entweltlichung.

 

Wir, die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, wir werden in Zukunft besser erklären und besser noch zeigen müssen, was genau wir denn sind. Die Anfragen zur Kirchensteuer und zur Mitgliedschaft in der Kirche kommen doch auch deswegen, weil das offensichtlich nicht sichtbar ist. Und die Anfragen kommen von außerhalb der Kirche wie von innerhalb.

Also hat der Papst dann doch auch die Kirchensteuer angesprochen, als er vor einem Jahr das Wort von der Entweltlichung prägte. Aber er hat sie so angesprochen, dass es um die Kirche und den Glauben geht und darum, wer wir sein wollen und wie wir unsere Identität bilden. Dann spielt auch die Frage der Finanzierung und der Steuer nur noch die Rolle, die ihr eigentlich zukommt: Eine untergeordnete.

Print Friendly
p5rn7vb
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Benedikt XVI., Deutschlandreise Papst Benedikt XVI., Die deutschsprachige Kirche, Glaube und Vernunft, Glaube und Welt, Neulich im Internet, Papstreise, Theologisches abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.