London: Es brannte die Stadt, nicht die olympische Fackel

Vor genau einem Jahr war ich im Urlaub in Großbritannien, genauer: in London. Die Jesuitengemeinschaft, bei der ich zu Gast war, hat ihr Haus in Clapham im Süden der Stadt. Ich wurde Zeuge, wie nach dem Tod eines Jugendlichen die Stadt in Unruhen versank, so muss man das glaube ich ausdrücken. Immer mehr Gebäude in Flammen, Plünderungen, ganze Kaufhäuser wurden vor den Augen der hilflosen Polizei leer geräumt, bis dann 10.000 Polizisten in die Stadt gebracht wurden, um die Gewalt und die Plünderung einzudämmen, bevor sie auf andere Städte übergreift.

Tottenham, August 2011

Mir erschien das damals unbegreiflich. Und auch die nächtelangen TV-Sendungen und Talkshows, in denen ein Experte oder Betroffener nach dem anderen versuchte, dem Ganzen eine Erklärung abzuringen, halfen ganz und gar nicht.

In der Nacht auf den 7. August war Mark Duggan von der Polizei erschossen worden, Tottenham, Croyden, Clapham sahen danach Unruhen wie seit den 80er Jahren nicht mehr. Und dann fiel allen ein: In einem Jahr ist ja Olympia! Was, wenn die Unruhen dann wieder ausbrechen? Was, wenn wir die sozialen oder ökonomischen Brüche in der Gesellschaft nicht in den Griff bekommen?

Jetzt ist es ein Jahr später, jetzt findet Olympia statt, und keiner redet mehr von den Unruhen und Plünderungen von vor einem Jahr. Die Bilder waren auch einfach zu häßlich und passten nicht zur Internationialität und Multikulturalität der Stadt. Auch die jetzt vorliegenden Studien zu den Ursachen werden kaum zur Kenntnis genommen, es scheint, als wolle das keiner so richtig wissen, Hauptsache, die Sache ist vorbei

Ich zitiere aus der Neuen Züricher Zeitung:

„Ein Viertel der Randalierer waren (..) Jugendliche unter 18 Jahren. 87 Prozent waren jünger als 25. Neun von zehn waren männlich. 41 Prozent waren bezüglich der ethnischen Herkunft weiss, 50 Prozent gaben schwarz oder gemischt an. Der hohe Anteil der Schwarzen wurde von den Beteiligten nicht als Indiz für rassistische Elemente der Unruhen genannt. Als plausibelster Grund gilt vielmehr die überproportionale Vertretung dieser Bevölkerungsgruppe in den untersten Einkommensschichten. 1968 Personen wurden bisher verurteilt, am häufigsten wegen Einbruchs, dann auch wegen Diebstahls und wegen Gewalttätigkeiten. Die längste Haftstrafe von 30 Jahren kassierte ein junger Schläger wegen der Ermordung eines Rentners, der einen brennenden Papierkorb auf einem Trottoir löschen wollte.

(..) Laut der LSE/’Guardian’-Studie nannten die Randalierer als Gründe am häufigsten Wut über eine diskriminierende Behandlung durch die Polizei, Protest gegen soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit sowie simplen Opportunismus. Im Schutz des Chaos glaubten viele, begehrte Konsumgüter scheinbar risikolos stehlen zu können.”

Die klügsten Kommentare damals von vor einem Jahr erschienen mir die, die versuchten, die Unruhen durch ein Schwelen und Ausbrechen verstehbar zu machen. Wut auf Polizei und die Perspektivlosigkeit in der Gesellschaft ließen auf lange Zeit hin eine Wucht entstehen, die sich in dieser Art Anarchie äußern würde. Auch die Opportunismus-Anarchie, die sich im Ausräumen von Handy-Läden zeigt, widerspricht dem nicht: Heute gründet man halt keine Partei, heute verschafft man sich in einem Akt völliger Irrationalität das, was man haben will.

Tragisch ist aber das Vergessen. Während meines Studiums in London habe ich in Brixton gelebt, einem Stadtteil, der die letzten Unruhen vor denen 2011 gesehen hatte. Dort sprach man noch sehr viel von der Ungerechtigkeit und der Gewalt. Überall sonst aber nicht. Meine Freunde dort sagten mir nun: Siehst du, wir haben gesagt, dass Brixton nicht aufgearbeitet wurde. Und das haben wir nun davon!

Es entsteht ein „Präkariat“ oder wie immer man das nennen will, in dem Druck herrscht. Den Ausbruch haben wir im vergangenen Jahr gesehen. Jetzt sehen wir, wie das alles für die glänzende olympische Oberfläche weggedrückt wird.

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