Papstvideo: Der Ball liegt in unserem Feld

Barmherzigkeit hat eine innere Dynamik: Sie beginnt bei der Erinnerung an die selbst empfangene Barmherzigkeit, und dann geht es vom Herzen in die Hände, zu selbst konkret gelebter Barmherzigkeit. Auf dem Weg dahin gibt es einige Hindernisse, zum Beispiel die Unfähigkeit, sich an die empfangene Barmherzigkeit zu erinnern. Dann beginnt man zu urteilen, man spaltet und trennt, und das ist das genaue Gegenteil der Barmherzigkeit.

Aufzeichnung einer Videobotschaft

Aufzeichnung einer Videobotschaft

Es ist eine sehr zugespitzte Zusammenfassung der Botschaft, die der Papst an diesem Samstag in einem langen Video nach Lateinamerika schickte. Ein ausführlicher Text, der im Wesentlichen eine Auslegung einer Textstelle aus dem ersten Timotheus-Brief ist. Ein Text auch, der wunderbar das Denken des Papstes zu diesem Thema zusammen fasst. Von dem Text gibt es keine deutsche Übersetzung, also habe ich mich an eine Arbeitsübersetzung gemacht, eben weil ich es für eine sehr gute Darlegung der Papstgedanken halte.

Das hier ist nun eine leicht gekürzte Version, gekürzt lediglich um die ausschließlich lateinamerikanischen Teile, etwa den Verweis auf die Bischofsversammlung von Aparecida etc.

Der Papst – soviel Amerika muss sein – beginnt mit der Tatsache, dass zu dem Event beide Amerikas versammelt sind, der Norden wie der Süden.

 

Der Text der Videobotschaft (übers. aus dem Spanischen Original)

Ich begrüße die Initiative von CELAM [Vereinigung der Bischofskonferenzen Lateinamerikas] und des CAL [Päpstlicher Lateinamerikarat], gemeinsam mit den Bischöfen der USA und Kanadas – was mich an die Synode für Amerika denken lässt – diese kontinentweite Möglichkeit zu schaffen, das Jahr der Barmherzigkeit zu feiern. Mich freut es, dass alle Länder Amerikas teilnehmen können, wenn man auf die vielen Versuche der Fragmentierung, der Trennung und der Gegeneinansersetzung unserer Völker sieht, dann helfen solche Ereignisse, unseren Horizont zu weiten uns weiter die Hände zu reichen, es ist ein Zeichen, das uns in Hoffnung ermutigt.

 

Den Horizont weiten

 

Ich möchte beginnen mit den Worten des Apostels Paulus zu seinem geliebten Jünger [Timotheus]:

„Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen“. (1 Tim 1:12-16)

Indem Paulus zu Timotheus spricht, spricht er auch zu jedem von uns. Seine Worte sind eine Einladung, ich würde sogar sagen, sie sind eine Provokation. Es sind Worte, die Timotheus und alle, die sie durch die Geschichte hören würden, motivieren sollten. Es sind Worte, die uns nicht gleichgültig lassen können; im Gegenteil, sie bringen uns innerlich in Bewegung.

Paulus nimmt kein Blatt vor den Mund: Jesus Christus kam in die Welt, um die Sünder zu retten, zu denen sich Paulus selbst als den Schlimmsten zählt. Deutlich sieht er ein, wer er ist, er verbirgt seine Vergangenheit nicht, auch nicht die Gegenwart. Aber er beschreibt sich selbst auf diese Weise nicht um sich zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, und schon gar nicht um anzugeben.

Wir sind ganz am Beginn des Briefes, und Paulus hat Timotheus bereits jetzt [in den Versen davor] vor den „Fabeleien und endlosen Geschlechterreihen“ und vor „leerem Geschwätz“ gewarnt. Er warnte ihn davor, dass das alles „nur Streitfragen“ mit sich bringt, Streit. Zunächst könnten wir meinen, dass es vor allem um seine eigene Sündigkeit geht, aber er sagt das, damit Timotheus und damit jeder und jede von uns sich mit ihm identifizieren kann.

 

Paulus spielt uns den Ball zu

 

Um in der Sprache des Fußballs zu sprechen könnten wir sagen: Er spielt den Ball in die Mitte, so dass jemand anders ihn annehmen kann. Er spielt uns den Ball zu um uns zu ermöglichen, an seiner Erfahrung teilzuhaben: trotz meiner vielen Sünden „habe ich Erbarmen gefunden“.

Wir können hier versammelt sein, weil wir mit Paulus sagen können „wir haben Erbarmen gefunden“. Wegen all unserer Sünden, unserer Begrenzungen, unserer Fehler, für all die vielen Male in denen wir gefallen sind, hat Jesus uns angesehen und uns zu ihm gezogen. Er hat uns die Hand gereicht und Barmherzigkeit erwiesen. Wem? Mir, dir, jedem.

Wir können alle zurückdenken und uns an die vielen Male erinnern, in denen der Herr uns angeschaut hat, nahe war und uns Barmherzigkeit erwiesen hat. All die vielen Male, in denen der Herr uns immer vertraut hat, weiter auf uns gesetzt hat. Ich denke da an das sechszente Kapitel des Buchs Hesekiel und daran, dass der Herr immer auf jeden von uns setzt. Das ist es, was Paulus „gesunde Lehre” nennt – interessant, nicht wahr – „gesunde Lehre“ ist dies: dass uns Barmherzigkeit erwiesen wurde. Das ist das Herz des Briefs Paulus an Timotheus.

Während des Heiligen Jahres tut es uns gut, diese Wahrheit zu reflektieren und nachzudenken, wie der Herr durch unser ganzes Leben hindurch uns immer nahe gewesen ist und Barmherzigkeit erwiesen hat; uns nicht auf unsere Verdienste, sondern auf unsere Sünden zu konzentrieren, demütig zu werden und in einem schuld-freien Bewusstsein all der Zeiten zu wachsen, in denen wir uns von Gott abgewandt haben – wir, nicht jemand anderes, nicht der Menschen neben uns, schon gar nicht ‚die Leute’ – und dadurch immer mehr vor Gottes Barmherzigkeit zu staunen. Das ist eine gute Botschaft, das ist gesunde Lehre, und niemals leeres Geschwätz.

 

Das ist die gesunde Lehre

 

Im Brief des Paulus gibt es eine besondere Sache, die ich mit euch teilen möchte. Paulus sagt nicht „der Herr hat zu mir gesprochen und gesagt“, oder „der Herr hat mir gezeigt oder mich gelehrt“. Er sagt „er hat mir Barmherzigkeit erwiesen“ [spanische Bibelübersetzung der Stelle: „Dios tuvo misericordia de mí“, „Dios fue misericordioso conmigo“].

Für Paulus wurde seine Beziehung mit Jesus durch die Art und Weise besiegelt, wie dieser mit ihm umgegangen ist. Es ist keine Idee, kein Wunsch, keine Theorie, schon gar keine Ideologie, sondern Barmherzigkeit ist eine konkrete Art und Weise, Schwäche zu „berühren“, sich mit anderen zu verbinden, einander näher zu kommen. Sie ist eine konkrete Art und Weise, Menschen zu begegnen, wenn es ihnen schlecht geht. Sie ist eine Art und Weise des Handelns, das uns unser Bestes an andere verschenken lässt, so dass sie durch diesen „Umgang“ spüren, dass in ihrem Leben das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Dadurch fühlen Menschen, die sich von der Last ihrer Sünden niedergedrückt wissen, die Erleichterung durch eine neue Chance.

Paulus spricht im grammatikalischen Passiv – bitte verzeiht, dass ich ein wenig pedantisch bin – und in der Vergangenheitsform [sowohl die deutsche wie auch die spanische Version übersetzen das aktiv: „ich habe gefunden“]. Lose übersetzt könnten wir so sagen „Mir wurde Barmherzigkeit erwiesen“. Durch das Passiv wird Paulus zum Empfänger der Handlungen eines Anderen, er tut nichts anderes als zu erlauben, dass jemand anderer ihm Barmherzigkeit erweist. Die Vergangenheitsform im Original [Aorist] erinnert uns außerdem, dass seine Erfahrung zu einem präzisen Moment in der Zeit stattfand, und dass er sich erinnert, dass er dankt, und dass er feiert.

Der Gott des Paulus beginnt eine Bewegung vom Herzen in die Hände, die Bewegung von jemandem, der keine Angst hat vor Nähe, vor Berührung, vor Zärtlichkeit, ohne skandalisiert zu sein, ohne zu verurteilen, ohne jemanden abzulehnen. Es ist eine Art des Handelns, die sich im Leben von Menschen verwirklicht.

Um zu verstehen und zu akzeptieren, was Gott für uns tut – ein Gott, der nicht aus Angst denkt, liebt oder handelt, sondern weil er uns vertraut und erwartet, dass wir uns wandeln – muss vielleicht dieses unser hermeneutisches Kriterium sein, unser Modus Operandi: „Geht und handelt genauso“ (Lk 10:37). Unser Umgang mit anderen darf deswegen niemals auf Angst aufbauen, sondern auf die Hoffnung Gottes in unsere Umkehr.

Ich frage also: was soll es nun sein – Hoffnung auf Wandel oder Angst?

 

„Geht und handelt genauso“

 

Das einzige, was das Handeln aus Angst erreicht, ist zu trennen, zu spalten, mit chirurgischer Präzision zwischen verschiedenen Seiten zu unterscheiden, falsche Sicherheiten und dadurch Mauern zu bauen.

Auf Hoffnung auf Wandel zu bauen, auf Umkehr, ermutigt und treibt an, es schaut in die Zukunft, es schafft Raum für Möglichkeiten und es lässt uns voran gehen.

Aus Angst zu handeln verrät Schuld, Strafe, „das hast du falsch gemacht“. Aus Hoffnung auf Wandel zu handeln verrät vertrauen, lernen, aufstehen, immer versuchend, neue Möglichkeiten zu schaffen. Wie oft? Siebenundsiebzig mal.

Deswegen weckt das Handeln aus Barmherzigkeit immer Kreativität. Es dreht sich um das Gesicht des anderen, sein Leben, seine Geschichte und seine tägliche Erfahrung. Es ist nicht mir seinem eigenen Lebensmodell oder –rezept verschmolzen, sondern genießt eine gesunde Freiheit des Geistes und kann deswegen sehen, was das Beste ist für den anderen, auf eine Weise, dass er das verstehen kann.

Das bezieht alle unsere Fähigkeiten und Gaben ein; es lässt uns von hinter den Mauern hervor kommen. Es ist niemals leeres Gerede – wie Paulus sagt – das uns in unendlichen Streit verwickelt. Aus Hoffnung auf Wandel zu handeln ist eine unruhige Weise des Denkens, dass unser Herz schlagen lässt und unsere Hände bereit macht für die Tat. Der Weg vom Herzen zur Hand.

 

Angst oder Hoffnung?

 

Zu sehen, dass Gott auf diese Weise handelt, mag bei uns Anstoß erregen wie beim älteren Sohn in der Geschichte vom barmherzigen Vater, als dieser seinen jüngeren Sohn bei dessen Rückkehr so gut behandelt. Wir mögen skandalisiert sein, dass er ihn umarmt, ihm mit Liebe begegnet, ihn in die beste Kleidung steckt, trotzdem er so verschmutzt daher kommt. Wir mögen skandalisiert sein, dass er ihn bei seiner Rückkehr geküsst hat und ein Fest veranstaltet. Wir mögen skandalisiert sein, dass er ihn nicht rügt, sondern ihn als das behandelt, was er ist: ein Sohn.

Wir werden skandalisiert – und das passiert uns allen, fast automatisch, nicht wahr? – wir werden skandalisiert, wenn der spirituelle Alzheimer beginnt: Wenn wir vergessen, wie der Herr mit uns umgegangen ist, wenn wir beginnen die Menschen zu beurteilen und aufzuteilen. Es entsteht in uns eine Logik der Trennung die, ganz ohne dass wir das mitbekommen, dazu führt, dass wir unsere soziale und gemeinschaftliche Wirklichkeit immer mehr aufsplittern.

Wir teilen die Gegenwart auf, indem wir „Gruppen“ schaffen. Gruppen von gut und böse, Heiliger und Sünder. Der Verlust des Erinnerns lässt uns allmählich den Reichtum der Wirklichkeit, die wir besitzen, und die gesunde Lehre, die es zu verteidigen gilt, vergessen. Die reichste Wirklichkeit und die gesunde Lehre.

Obwohl wir alle Sünder sind, ist der Herr uns immer wieder mit Barmherzigkeit begegnet. Paulus hat nie vergessen, dass er auf der anderen Seite war, dass er als letzter auserwählt wurde, als „Fehlgeburt“, wie er sagt.

 

Keine „Vorzeige-Theorie“

 

Barmherzigkeit ist keine „Vorzeige-Theorie“: „Nun, das es in im Heiligen Jahr in Mode ist, über Barmherzigkeit zu sprechen, lasst uns der Mode folgen“. Nein, es ist keine Vorzeige-Theorie, so dass wir unserer Herablassung applaudieren können, sondern sie ist die Erinnerung an die eigene Geschichte der Sünden. Welche Sünde? Unsere, meine und eure. Und Barmherzigkeit ist Liebe, die wir loben. Wessen Liebe? Die Liebe Gottes, der mit mir barmherzig war.

Wir sind Teil einer zersplitterten Kultur, einer Wegwerf-Kultur. Es ist eine Kultur, die verdorben ist durch das Ausschließen von allem, das die Interessen einiger weniger bedrohen könnte. Eine Kultur, welche die Gesichter der Älteren, der Kinder, der ethnischen Minderheiten als Bedrohung sieht und am Wegesrand liegen lässt. Eine Kultur, die Stück für Stück das Wohlergehen einiger weniger fördert und das Leiden vieler anderer vermehrt. Eine Kultur, die unfähig ist, die Jugend in ihren Träumen zu begleiten, sondern sie mit den Versprechungen von Äußerlichkeiten ruhig stellt, und die das lebendige Gedächtnis in den Älteren versteckt. Eine Kultur, welche die Weisheit der indigenen Völker verschwendet hat und sich unfähig zeigt, für den Reichtum von deren Land Sorge zu tragen.

Wir alle wissen und uns allen ist klar, dass wir in einer Gesellschaft leben, die verletzt, niemand wird das bezweifeln. Wir leben in einer Gesellschaft, die blutet, und der Preis der Wunden wird normalerweise von den Schwächsten gezahlt. Aber es ist genau diese Gesellschaft, diese Kultur, in die der Herr uns sendet. Er sendet uns und trägt uns auf, das Balsam „seiner“ Gegenwart zu bringen. Er sendet uns mit nur einem Auftrag: einander mit Barmherzigkeit zu behandeln. Nächste zu werden für die tausenden von schutzlosen Menschen […].

Es soll ein erneuerter Umgang sein, der unsere Gemeinschaft von Gottes Traum inspiriert sein lässt und durch das, was er getan hat. Ein Umgang mit anderen, der auf der Erinnerung ruht, dass wir alle aus der Fremde kommen, wie Abraham, und dass wir alle aus der Sklaverei geführt wurden, wie das Volk Israel.

 

Wir müssen lernen

 

[Sprechen wir darüber, missionarische Jünger zu werden]: Paulus gibt uns einen interessanten Schlüssel dafür: barmherzig sein. Er erinnert uns daran, dass das, was ihn zum Apostel gemacht hat, die Art und Weise war, wie Gott an ihm gehandelt hat und ihn zu sich gezogen hat, „ich habe Erbarmen gefunden.“ Was ihn zum Apostel gemacht hat war das Vertrauen, das Gott in ihn gesetzt hat, trotz seiner vielen Sünden. Und er erinnert uns daran, dass wir vielleicht wunderbare Pläne haben mögen, Projekte und Ideen, was zu tun ist, aber dass ohne barmherziges Handeln unsere Pastoral auf halbem Wege abgeschnitten wird.

Das hat alles mit unserer Katechese, unseren Priesterseminaren – zeigen wir den Seminaristen diesen Weg des barmherzigen Tund? – unseren Pfarreistrukturen und Pastoralplänen zu tun. Das hat alles mit unserer missionarischen und verkündenden Aktivität zu tun, unseren Priestertreffen und selbst unserer Weise, Theologie zu betreiben. Es geht darum zu lernen, Barmherzigkeit zu erweisen, eine Art und Weise der Verbindung, um die wir täglich bitten müssen – weil es ein Geschenk ist – und die wir lernen müssen. […].

In Theorie sind wir alle „Missionare der Nächstenliebe“, aber meistens sind wir besser darin, jemanden schlecht zu behandeln, als ihm Gutes zu tun. Wie oft ist es uns in unseren Seminaren nicht gelungen, eine Pädagogik der Barmherzigkeit zu inspirieren, zu begleiten und zu ermutigen, und zu zeigen, dass dieses Erweisen von Barmherzigkeit im Herzen allen pastoralen Tuns steckt? Hirten zu sein die Gutes tut, nicht schlecht behandeln. Ich bitte euch: seid Hirten die wissen Gutes zu tun, nicht schlecht zu behandeln.

Heute müssen wir vor allem barmherzig sein mit Gottes heiligem und gläubigen Volk – es weiß sehr viel über Barmherzigkeit, denn es ht ein gutes Gedächtnis -, mit den Menschen, die mit ihrem Leiden, Sorgen und Verletzungen in unsere Gemeinden kommen. Aber auch mit den Menschen, die nicht zu uns kommen, aber trotzdem verwundet sind und auf Barmherzigkeit hoffen.

 

Barmherzigkeit wird aus Erfahrung gelernt

 

Barmherzigkeit wird aus Erfahrung gelernt – zuerst in unserem eigenen leben – wie es bei Paulus der Fall war, dem Gott seine ganze Barmherzigkeit offenbart hat, all seine barmherzige Geduld.

Sie wird dadurch gelernt, dass wir spüren, wie Gott weiter auf uns vertraut und uns ruft, seine Boten zu sein, dass er nie aufhört uns aufzutragen, unsere Brüder und Schwestern auf dieselbe Weise zu behandeln, wie er uns behandelt hat.

Jeder von uns kennt seine oder ihre eigene Geschichte und kann daraus lernen. Barmherzigkeit wird gelernt, weil der Vater uns immer wieder vergibt. Die Menschen haben schon genug Leid in ihrem Leben, da müssen wir nicht noch hinzu fügen. Zu lernen, barmherzig zu sein, heißt vom Meister zu lernen, wie man Nächster wird, ohne Angst vor dem Verstoßenen und denen, die von Sünde gezeichnet sind.

Zu lernen, unsere Hand auszustrecken zu denen, die gefallen sind, ohne Angst vor dem, was die Leute sagen. Jeder Umgang ohne Barmherzigkeit, wie gerecht er auch scheinen mag, endet in Misshandlung. Die Herausforderung wird es sein, Wege der Hoffnung zu schaffen, Wege die unseren guten Umgang fördern und Barmherzigkeit aufscheinen lassen.

[..] Es ist jetzt ein guter Zeitpunkt, zu sagen „Herr, ich habe mich täuschen lassen, auf tausenderlei Weise bin ich vor deiner Liebe geflohen, doch hier bin ich wieder, um meinen Bund mit dir zu erneuern. Ich brauche dich. Kaufe mich wieder frei, nimm mich noch einmal auf in deine erlösenden Arme.“ (Evangelii Gaudium, 3)

Lasst uns wie Paulus und Timotheus dankbar sein, dass Gott uns zutraut, die unendliche Barmherzigkeit, die wir von ihm empfangen haben, auch im Umgang mit seinem Volk zu zeigen. [Diese Gelegenheit] möge uns helfen, mit gestärkter Überzeugung voran zu gehen, da wir die große und tröstende Freude der Frohen Botschaft der Barmherzigkeit verkünden.

 

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21 Kommentare zu Papstvideo: Der Ball liegt in unserem Feld

  1. Andreas sagt:

    Ist die „zugespitzte Zusammenfassung“ nicht das, was in gleichem Maße auf die Barmherzigkeit im Islam zutrifft?

    • Pater Hagenkord sagt:

      Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen.

    • Suarez sagt:

      Es gibt Prediger, die haben immer nur das Thema Sex, und es gibt Postingschreiber, die haben immer nur das Thema Islam. Man darf bei beiden dahinter eine psychische Störung vermuten.

      • Konstantin sagt:

        Es gibt aber auch Postingschreiber, die all zu schnell per Ferndiagnose eine „psychische Störung“ vermuten und damit Menschen stigmatisieren. Wer schon so postet, sollten sich mit der Liste ICD-10 auseinandersetzen. Da wird dann schnell die Vermutung zur Gewissheit, vielleicht auch über die eigene Person.

        • @Konstantin, was hat ICD-10 mit diesem eindrucksvollen Lebens-Zeugens zu tun…??
          —————————————————————–
          ich spüre sehr deutlich, dass dieser Text eine Einladung,ein Werben an uns ist, sich – persönlich – auf diesen WEG(!)das Evangelium zu leben EINZULASSEN…

          Danke, dass uns Franziskus wieder an das Wesentliche erinnert!!

          und auch dafür,dass er uns Ältere(1949) von manchmal
          kruden „Gottesbildern“ sozusagen mit großer geistlicher „Autorität“ befreit..

          • Konstantin sagt:

            @ Ullrich Hofener. Mein Kommentar war bestimmt für den Beitrag vom 28.August 15:00 Uhr. Sorry für das Missverständnis. Auch ich bin P.Franziskus dankbar für diese Befreiung, wie sie es richtig nennen kruden Gottesbildern.

            MfG

  2. Stephan sagt:

    Dieser Text spricht mich sehr an; sowohl poetisch als auch vernünftig, trocken und ohne Gehampel führt er via Barmherzigkeit in die entlegenste, dusterste Peripherie der Welt: die dunklen Stellen im eignen Selbst, befreit und zeigt einen Weg zu einer universalen Liebe zu den Menschen.
    Stephan

  3. S.G. sagt:

    Der Text ist wunderbar – mir sind die Tränen gekommen!
    Die Kernaussage ist doch:
    Wer zu Gott umkehrt (Beichte)und dann die befreiende Kraft der Barmherzigkeit erfährt, kann gar nicht mehr anders, als zum Nächsten auch barmherzig zu sein. Wenn man regelmäßig beichten geht, reflektiert man über sich selbst regelmäßig nach. Man lernt sich immer besser kennen und merkt, dass man doch nicht so „toll“ ist, wie man gerne zu sein glaubt.
    Durch die Selbsterkenntnis wird man immer „demütiger“ und kann immer weniger die Fehler der anderen verurteilen, da man selbst auch nicht fehlerfrei ist. Man kann den anderen besser verstehen, man kann sich in den anderen besser einfühlen.
    Papst Franzikus legt das Evangelium aus, wie es Jesus auslegen würde, wenn er unter uns weilen würde (körperlich – geistig sollte er durch den Heiligen Geist bei den getauften Christen gegenwärtig sein ☺).

  4. F. H. sagt:

    Was für ein anrührender, ja geradezu umwerfender Text!

    Auf allen Synoden, in allen Seminaren, in allen Kirchen und Klöstern sollte er verlesen werden!

    Die Lehre Jesu und die Sendung der Seinen (also auch unsere Sendung) auf den Punkt gebracht. Balsam in einer verrückt gewordenen Zeit, „Leviten“ für unsere gleichgültige und egozentrische Gesellschaft.

    @S.G. Ich würde das mit der Beichte nicht so eng sehen:

    „Die Menschen haben schon genug Leid in ihrem Leben, da müssen wir nicht noch hinzu fügen. Zu lernen, barmherzig zu sein, heißt vom Meister zu lernen, wie man Nächster wird, ohne Angst vor dem Verstoßenen und denen, die von Sünde gezeichnet sind.
    Zu lernen, unsere Hand auszustrecken zu denen, die gefallen sind, ohne Angst vor dem, was die Leute sagen. Jeder Umgang ohne Barmherzigkeit, wie gerecht er auch scheinen mag, endet in Misshandlung. Die Herausforderung wird es sein, Wege der Hoffnung zu schaffen, Wege die unseren guten Umgang fördern und Barmherzigkeit aufscheinen lassen.“

    Die Beichte mag EIN Weg sein – ich bin davon überzeugt, es gibt auch einige andere…

    @Andreas: Auf der Ebene von Barmherzigkeit, Mitgefühl und Achtsamkeit würden sich alle Religionen treffen, aber wenn schon wir Christen es nicht leben können, wer sind wir, mit dem Finger auf andere zu zeigen…?

    Beim Lesen sind mir 2 Namen eingefallen: Franz von Assisi und Mutter Theresa.
    Bittet für uns!

  5. S.G. sagt:

    @F.H.: Lieber F.H., das mit der Beichte sehe ich überhaupt nicht eng ☺. Ich stimme Ihnen zu, dass ich von Jesus lernen soll, barmherzig zu sein. In der Theorie wusste ich das schon (habe ja das Evangelium gelesen), aber praktisch sah das gaaaanz anders aus. Nur mit der Hilfe Jesu kann ich barmherzig sein. Indem Jesus (in der Person des Priesters) mir vergibt und seine Barmherzigkeit zeigt, kann ich Jesus nachahmen und auch meinem Nächsten vergeben.
    Für mich persönlich ist die Beichte die optimalste Möglichkeit, geistig zu reifen. Durch die regelmäßige Beichte wurde mir bewusst, wie selbstgerecht und unbarmherzig ich gegenüber anders Denkenden war. Jetzt akzeptiere ich auch die Meinungen anderer bzw. deren Lebensweise, ohne indifferent / gleichgültig oder beliebig zu sein.
    Für mich ist die Beichte Psychotherapie mit der Gewissheit, dass mir, wenn ich schuldig geworden bin, die Schuld vergeben wird.
    In der Beichte habe ich auch erfahren, dass manche „Vergehen“ gar nichts mit Sünde zu tun haben, dass ich gar nicht anders reagieren hätte können, wie ich reagiert habe. Das ist doch befreiend!
    Noch ein Pluspunkt: Durch das Kennenlernen meiner selbst, darf ich immer öfter nach der Kommunion eine intensive Geborgenheit in Gott erleben. Mir wurden folgende Sätze aus 1. Korinther 11,27 -28 viel bewusster: „Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken.“
    Als ich ohne zu beichten zur Kommunion ging (30 Jahre lang nicht…), habe ich danach nichts empfunden. Jetzt tritt genau das Gegenteil ein….
    Also: Beichte nicht mit erhobenem Zeigefinger und als Zwang, sondern Beichte als eine Art „Seelenkur“ betrachten ☺☺☺☺.
    Oder wie ein Pater formulierte:
    Die Taufe ist die Neuformatierung der Seele (Befreiung von der Erbsünde), die Beichte ist der Virenscanner (Befreiung von Sünden nach der Taufe). -> Ich lasse regelmäßig meinen Virenscanner am PC laufen, warum soll ich dann nicht auch meine Seele regelmäßig von meinen „Viren“ befreien? ☺

    • @FH und @ S.G DANKE für Ihrer Beider Zeugnisse.. für diese Dichte und Tiefe…

      @S.G Danken Sie Gott dafür, dass Sie die Beichte So erleben also so eine Zärtlichkeit und so eine Art „Liebesbrief“ Gottes!

      durch diese verdammt katholische Erziehung der späten 1950er und auch noch der 1960er Jahre wurde in meiner Generation durch diese zum Teil furchtbaren „Gottes“ Bilder zerstört..

      Gewiss, durch eigene Erfahrungen versöhnt sich auch irgendwann das eigene Herz mit dieser Sehnsucht nach dem Geliebten; aber leider speichert die „Eigene Festplatte“ auch die ganzen Traumata…
      Danke Ihnen beiden für ihre Zeugnisse-sie spiegeln diese Tiefendimension

      Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
      die sich über die Dinge ziehn
      Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
      aber versuchen will ich ihn.

      Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
      und ich kreise jahrtausendelang;
      und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
      oder ein großer Gesang.
      (…..)

      Doch wie ich mich auch in mich selber neige:
      Mein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe
      von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.
      Nur, daß ich mich aus seiner Wärme hebe,
      mehr weiß ich nicht, weil alle meine Zweige
      tief unten ruhn und nur im Walde winken.

      Rainer Maria Rilke

    • Konstantin sagt:

      @ S.G. Ich beglückwünsche sie, wohl den „rechten“ Beichtvater gefunden zu haben. Oder, ist es ein „reines“ Ritual, egal mit welchem „Virenscanner“ sie ihre Seele reinigen lassen? Heute nennt man das wohl Psychohygiene. Ich will es auf einen nenner bringen. Beichten ist etwas sehr intimes – man gibt sich und seine Person preis. Ich kann dies nur, wenn ich ich zu „meinem“ geistigen Begleiter regelmässig gehe. Alles andere ist Ritual. Und ich bin der Überzeugung, ein reines Ritual (reicht für mich da nicht aus). Rituale sind wichtig in unserem Glauben, aber bei der Beichte reicht mir das nicht. Denn es ist ein immer sich wiederholendes Einlassen auf die konkrete Situation meiner Person. Dazu gehört bei mir eine „Constanze“ – ein Seelenführer.

      mfG

      • Konstantin sagt:

        Nachtrag. Sorry, ich meine natürlich in meinem Kommentar -konstant-, nicht einen weiblichen Vornamen.
        MfG

      • S.G. sagt:

        @Konstantin:
        Lieber Konstantin,
        am Anfang meiner „Beichtkarriere“ war es tatsächlich so, dass es ein Ritual war. Ich bin zwar von mir aus zur Beichte gegangen, weil ich auf einmal ein Bedürfnis danach hatte (eventuell der Heilige Geist, der in mir aufwachte? ☺). Als ein Kommunionkind mich (in der Funktion als Katechetin) vor seiner Beichte fragte, ob ich auch zur Beichte gehe, und ich ehrlich mit „Nein“ antworten musste, sah ich das als Aufforderung Jesu, endlich den Schritt zu wagen, zumal das Kommunionkind nach der Beichte zu mir sagte: „Du musst auch zur Beichte gehen, das ist soooooo schön! Nächste Woche will ich wieder beichten gehen!“.
        Zuerst waren die Beichten wirklich ein Ritual, denn ich musste mich erst darin einfinden. Nach und nach wurde mir klar, dass Beichte nicht dazu da ist, dass ich meine „Sünden“ explizit für den Priester aufzähle – möglichst nach Uhrzeit, Anzahl, usw.
        In der Beichte geht es darum, herauszufinden, w a r u m ich immer wieder in die gleiche Falle tappe. Ich finde durch Selbstreflexion heraus, was die Wurzel meiner „Vergehen“ ist, so dass ich daran arbeiten kann. Ich weiß zwar, dass mir Jesus sofort verzeiht, wenn ich ehrlich bereue und deshalb die Beichte eigentlich gar nicht nötig ist. Aber mal ehrlich: Wenn ich das allein mit mir selbst ausmache, nehme ich mir dann überhaupt die Zeit für die Selbstreflexion oder wische ich alles schnell von mir weg nach dem Motto: Jesus verzeiht mir, alles ist gut… Ich denke, dann habe ich die Chance vertan, mich zu wandeln und mir wird nicht so bewusst, dass ich Jesus b e n ö t i g e um mich zu ändern. Hier kommt vielleicht wieder das Grundübel hervor, dass ich der Illusion verfalle, alles ohne Gott hinbekommen zu können. Als ich am Anfang Zweifel hatte, regelmäßig beichten zu gehen (ich bin keine Mörderin, breche die Ehe nicht…), fiel mir just diese Bibelstelle in die Hände:
        Markus 1, 40 -44
        Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein! Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann war rein.
        Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein:
        Nimm dich in Acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein.
        Der Satz: „zeig dich dem Priester“ hat bei mir jeden letzten Zweifel genommen…
        Zur Frage eines guten Beichtvaters: Bisher war ich immer bei wechselnden Mönchen beichten.
        Aber in letzter Zeit kommt bei mir immer mehr der tiefe Wunsch hoch, einen festen Beichtvater/Seelenführer zu haben. Ich bete deshalb darum und ich denke, ich werde einen bekommen☺. Denn bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass wenn in mir eine bestimmte Sehnsucht hochkommt, sie irgendwann in Erfüllung geht☺…
        Geht beichten – das tut so gut und ist nicht mit der „Folterkammer“ von früher zu vergleichen! – Selbst der Papst geht beichten:
        http://de.catholicnewsagency.com/story/ich-bin-ein-sunder-wie-oft-beichtet-der-papst-0262
        Noch ein Tipp in aller Freundschaft (bitte nicht als Überheblichkeit meinerseits aufzufassen):

        Wer nichts zum Beichten hat, kann trotzdem zur Beichte gehen und sich einen Antrag zur Heiligsprechung abholen….

  6. Rosi Steffens sagt:

    Das Wesen Jesus ist durch jedes Ich getragen, das sich seiner freiwillig annimmt. Beichte ist für mich die Gewissenhaftigkeit, die dem Wesen durch diesen Sachverhalt dient. Menschlichkeit ist das universelle Bekenntnis der Abhängigkeit, von der Allmacht die sich aus Liebe zur Selbsterkenntnis trägt. Die Seele der Menschheit führt ihre Wahrheit in ein Gewissen, das sich im Glauben täglich neu offenbart und in jedem Ich an seinem Wesen wächst.

    Was wäre Allmacht ohne ihre Liebe zur Selbsterkenntnis? Was wäre das Universum ohne seine menschlichen Dimensionen?

    Die Schöpfung ist was aus Lebendigkeit Geist schöpfen kann, der sich im Alltag seiner Träger offenbart. Wenn die Menschheit ihre natürlichen Gesetzmäßigkeiten verantwortlich wahrnehmen kann, dann trägt sie ihr Wesen in Würde durch alle Zeiten und kann es durch ihre erlebte Menschlichkeit an sich selbst messen. Menschlichkeit trifft heute auf das Leben des Herrn und schöpft aus dessen Allmacht neue Kraft, doch muss sie lernen rücksichtsvoll damit umzugehen, um ihr Wesen nicht weiter zu schädigen.

    Eine Reinigung der Seele geschieht im Bewusstsein für ihr geistiges Wesen, das sich vor die Menschheit stellt, um Allmacht aus Menschlichkeit zu schöpfen. Zeit heilt alle Wunden, auch die des Herrn, wenn die Menschheit dabei hilft die Zeit nicht egoistisch an Vorstellungen zu binden statt ihr den Freiraum zu gewähren, den sie durch Kommunikation gewinnt um sich der Heilung ihres Wesens zuzuwenden. Menschlichkeit ist doch keine utopische Forderung, sie dient dem gemeinsamen Ziel Frieden für alle Zeiten zu schaffen, denn Freiheit ist bereits in den Naturgesetzen festgeschrieben, nun gilt es diese Gesetze auf ihrem friedlichen Weg in die Gegenwart zu begleiten die sich im Alltag der Menschheit stellt. Gerechtigkeit ist keine Forderung, sie liegt in der Bestimmung der Menschheit.

  7. F. H. sagt:

    @S.G.: Auch ich danke für Ihr wundervolles Zeugnis! Man bekommt richtiggehend Sehnsucht nach einer solchen Erfahrung. Aber auch ich habe – trotz langjähriger Kirchennähe – ähnlich schlechte Erfahrungen mit dem Bußsakrament gemacht wie Ullrich und schon in früher Jugend beschlossen, mich einem solch ausgehöhlten Ritual nicht mehr zu unterwerfen. Einen späteren Versuch in vorübergehend sehr enger kirchlicher Bindung empfand ich eher als Tortur, und seither habe ich versucht, meine Sündhaftigkeit zu ignorieren bzw. nach einer Teilaussöhnung mit meiner katholischen geist(l)ichen Heimat sozusagen in direkter Konfrontation der göttlichen Barmherzigkeit entgegenzustellen.
    Aber Sie haben recht: die Reflexion ist sicherlich eine andere, wenn man sich dem Sakrament anheim gibt. Nach der langen Zeit und vielen Lebenskurven könnte das bei mir allerdings ein langwierigeres Unterfangen werden und ich weiß nicht ob bei dem herrschenden Priestermangel einer so viel Zeit für mich erübrigen könnte…

    Wobei es für mich vielleicht weniger darum gehen würde, was ich alles falsch gemacht habe, als darum, was ich künftig besser und richtiger machen könnte, also um die Frage wie leben, damit die Liebe Gottes sichtbar und spürbar wird?!

    Vielleicht haben Sie mir ein Türl geöffnet oder wenigstens gezeigt…

    Vielleicht dazu passend – dieses Gebet habe ich gestern auf der Seite der Franziskaner in Berlin-Pankow entdeckt (eine sehr lohnende Adresse übrigens, falls man/frau einmal in der deutschen Hauptstadt weilt):

    Fürbitte für Zufriedene

    Für die, die alles schon haben,
    die ohne Erwartung, ohne Wunsch,
    ohne Zukunft sind:
    Für die, die alle Antworten wissen,
    aber nicht mehr die Fragen,
    die dazugehören:
    Für die, die alle Fahrpläne kennen,
    aber nicht mehr das Verlangen
    nach Aufbruch:
    Für die, die sich nicht mehr erinnern können
    an die Träume des Anfangs,
    an die Neugierde des Aufwachens,
    an den Ruf der Ferne:
    Für die, die im Winterschlaf verharren
    und frühlingsmüde vergessen haben
    auf Hunger und Durst nach Gerechtigkeit:
    Für die, die ihr Leben ausgerechnet
    und keinen Platz mehr haben
    für etwas, größer als das Herz:
    Um Neugierde.
    Um Unruhe.
    Um Sehnsucht.
    Um Ungeduld.
    Um Zukunft.

    Aus: Gioconda Belli, Wenn du mich lieben willst

  8. Stephan sagt:

    Das ist ja ein sehr poetischer Text, wie viele Ansprachen des Papst Franziskus. Ich geh jetzt gar nicht auf den Knackpunkt des Textes ein, den macht er ja deutlich genug. Es geht ja um religiöse Eitelkeit, daß man sich gefallen könnte, wie man doch barmherzig ist, oder nur eine Mode mitmachen könnte. Und wie man – ist das Kernproblem überwunden – das Gesicht des anderen sehen kann, vom Gesicht sehen ist viel die Rede, von der dann möglichen Kreativität. Und da zeigt sich der Papst als Poet, der Themen der Dichter aufgreift und verwandelt, und hier ist es offenbar das bekannte Gedicht von R.M.Rilke, auf das er hier Bezug genommen hat, ein Schlüsselgedicht Rilkes, in welchem er sich mit dem religiösen Narzissmus seiner Mutter beschäftigt hat und daraus befreit. Anscheinend kennt er Rilke.

    Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.
    Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt,
    und stand schon wie ein kleines Haus, um das sich
    groß der Tag bewegt,
    sogar allein.
    Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein.

    Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut.
    Sie sieht es nicht, daß einer baut.
    Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein.
    Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

    Die Vögel fliegen leichter um mich her.
    Die fremden Hunde wissen: das ist der.
    Nur einzig meine Mutter kennt es nicht,
    mein langsam mehr gewordenes Gesicht.

    Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind.
    Sie lebt nicht dorten, wo die Lüfte sind.
    Sie liegt in einem hohen Herz-Verschlag
    und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag.

    R.M. Rilke.

    Ich hatte jetzt nicht den Eindruck, daß es um krude Gottesbilder geht, Beichte, Beichtväter, die dann natürlich meistens die Falschen sind, wie dann natürlich auch die meisten Priester die Verkehrten sind, oder die Kirchgänger, oder wie schön es ist, daß man selbst natürlich alles richtig macht, und wie einfach das ist etc.. Es geht um was anderes, wozu dann aber auch gehört, einen Text zu lesen und wahrzunehmen, was darin steht.
    Stephan

  9. ERGÄNZEND zu “ laudato si“ ..das ist ja bestimmt auf besagter Konferenz wenigstens immer irgendwie auch präsent..

    ein Format im DLF an Sonntag sind die „Zwischentöne“. vom Sender werden Gesprächspartner aller „Himmelsrichtungen“ eingeladen,welche(manchmal) was einbringen können…

    der heutige Gast war der Priester und Verhaltens Biologe Rainer HagenCord
    ( evtl. Assoziationen gehen schon in die richtige Richtung..)

    jedenfalls gründete er mit dem Kapuziner Anton Rotzetter das Institut für THEOLOGISCHE ZOOLOGIE

    dieses Gespräch ist in der Mediathek-wie lange?

    mich haben die Aussagen dieses bemerkenswerten Wissenschaftlers nicht nur überzeugt aber auch sehr emotional berührt..

    HIER:

    http://www.deutschlandfunk.de/dlf-audio-archiv.2386.de.html

  10. ZUSATZINFO: unbedingt scrollen ,verschiebt sich in der Skala nach hinten aber scheint wohl einige Zeit drin bleiben

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