Standardisierung (2): Wer entscheidet, was Nachricht ist?

Innenleben eines RechnersDie Bewertung menschlicher Werke und die Standardisierung durch Algorithmen ist das eine. Dazu habe ich vor einigen Tagen etwas gepostet. Etwas ganz anderes ist es, wenn die Texte selber von Rechnern geschrieben werden. In den USA gibt es einen Radiosender – Big Ten Network – der eine Software nutzt, die Nachrichten schreibet. Ein Computer als Journalist.

Auch hier ist erst einmal Vorsicht angesagt, vieles beim Schreiben kann von Rechnern übernommen werden, das Suchen von Informationen, das Zusammenstellen etc. ist keine nur vom Menschen zu erledigende Sache.

Interessant wird es erst, wenn es zu Entscheidungen kommt: Was ist eine Meldung und was nicht? Was ist relevant und was nicht? Ein Computer entscheidet streng nach den ihm gesetzten Parametern, eine „journalistische Nase“ wird er wohl nie entwickeln.

Aber es geht ja auch nur um die „kleinen“ Nachrichten, um Sportergebnisse etwa oder um das Update der letzten Ereignisse bei einem Großevent. Aber der Chef der Firma Narrative Science, die die Software entwickelt hat, schielt bereits auf Journalistenpreise für Computer. Ein Pulitzerpreis für einen Algorithmus.

Bleiben wir noch ein wenig beim Anfang, bei den „kleinen“ Meldungen, wie wir sie tausendfach im Internet lesen. Was ist, wenn der nächste Schritt heißt, dass die Nachricht individuell auf mich zugeschnitten wird? Dass ich nicht dieselben Nachrichten bekomme, wie mein Nachbar? Für einen Algorithmus sollte das heute kein Problem sein. Das Netz weiß, wo ich mich wie lange aufhalte, welche Artikel ich lese und welche ich weg-klicke, und langsam entsteht ein Profil. So bekommt das Netz Ahnung davon, was ich mag und was mich interessiert, welcher Stil und welches Land, welche Themen oder Menschen mich ansprechen. Ich bekomme also nicht „objektive“, also für alle gleiche Nachrichten, sondern auf mich selber zugeschnittene und ich kann nicht mehr davon ausgehen, dass grundsätzlich alle dasselbe wissen oder wissen können.

Aber machen wir noch einen Schritt weiter: Was ist, wenn die Meldungsauswahl unter Werbegesichtspunkten geschieht? Wenn neben einer Nachricht gleich eine passende Werbung platziert wird? Neben einer Unglücksmeldung eine Werbung für sichere Autos oder sichere Geldanlagen? Neben einer Königshochzeit ein Reisebüro, dass Urlaub in Großbritannien anbietet?

Machen wir uns nichts vor, ohne Werbung gäbe das Internet nicht und das wäre doch eine wunderbare und effektive Methode, die eigenen Produkte zu platzieren. Nun, zu einem gewissen Anteil passiert das ja jetzt auch schon, und wenn es verantwortet geschieht habe ich da auch erst einmal nichts gegen. Wenn der Computer aber die Verantwortung übernimmt, dann kann es gar keine Abweichung mehr geben. Keine schlechte Nachricht mehr zum Beispiel über einen Skandal in der Werbewirtschaft, um das offensichtlichste Beispiel zu nennen.

Hier begeben wir uns in den Machtdiskurs: Wer entscheidet über die Relevanz einer Information? Und diese Entscheidungen sähe ich sehr ungerne in den Händen der Werbewirtschaft.

Der Rechner wird uns immer mehr abnehmen, das Netz lernt uns kennen und individualisiert uns vollständig, in der Netzsprache: bildet ein Profil. Diese Individualisierung geschieht aber nicht um mehr Freiheit willen, sondern um des Konsums willen. Wieder ein Stück weniger Menschlichkeit.

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3 Antworten auf Standardisierung (2): Wer entscheidet, was Nachricht ist?

  1. Teresa_von_A. sagt:

    Lieber Herr P Hagenkord. Eine journalistische Nase sieht auf Auflagen möglicherweise und befaßt sich mit Vati leaks.Und sonstigen Geheimnissen…meinen Sie das? N e i n, das meinen Sie nicht. Wenn der Compi uns von der Journaille befreit, über die wir uns den líeben langen Tag aufregen, her damit!

  2. AM sagt:

    Abgesehen von dem Horrorszenario, das  uns leider immer näher rückt, will ich mich nur auf den einen möglichen Schritt einschränken: “dass die Nachricht individuell auf mich zugeschnitten wird? Dass ich nicht dieselben Nachrichten bekomme, wie mein Nachbar?”

    Es wäre vielleicht nicht so verkehrt, denn wir lesen heute die gleichen Texte (auch mehrmals) und lesen total andere Inhalte daraus. 
    Ist der Rechner imstande uns zu helfen? Passt sich der Rechner an uns besser an? Er kennt doch die Syntax und Semantik und uns!

  3. Teresa_von_A. sagt:

    spontan würde ich sagen: w i r werden angepaßt. schöne neue welt…das versuchen die journalisten ja jetzt schon, uns anzupassen. ausnahmen bestätigen die regel.

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