Toleranz? Toleranz!

„Juden missionieren nicht. Mission ist das Gegenteil von Toleranz. Mission bedeutet, mein Glaube ist wertvoller als deiner, du musst meinen Glauben annehmen, damit du so wertvoll bist wie ich. Juden kennen die sieben Gesetze Noachs. Ein guter Christ, ein guter Muslim und jeder Mensch,
der einer abrahamitischen Religion angehört, folgt diesen Gesetzen und ist damit genauso ‚gut‘ wie ein gläubiger Jude. Ich kann also einem Muslim seinen Mohammed und seine Bräuche lassen und muss ihn nicht davon überzeugen, dass meine Religion die bessere ist. Das ist Toleranz.“ Der jüdische Autor Eliyah Havemann im Interview mit dem „Bund“ (12. April 2014), wie die schweizer Agentur Apic ihn zitiert.

Ohne irgend jemandem zu Nahe treten zu wollen behaupte ich an dieser Stelle einfach mal, dass die meisten Christen, die ich kenne, das unterschreiben würden, und zwar auch aus der eigenen Perspektive.

Und dann sitze ich wieder an einem Impulsreferat, dass ich am kommenden Montag zu halten habe, dessen Überschrift „Der Missionar“ lautet. Es geht um Evangelii Gaudium und den Traum des Papstes von einer missionarischen Kirche, die hinausgeht zu bezeugen und zu verkünden. Er träumt davon, dass nicht die Angst Fehler zu machen sondern die Sorge so vieler Menschen, die Christus (noch) nicht kennen, Antrieb sei für den, der Verkündet. Also für den Missionar.

Wie passt das zusammen?

Zunächst einmal passt das, wenn ich Wertungen heraus lasse. Es hat mich schon ein wenig geärgert zu lesen, dass mir unterstellt wird, weil ich von meinem Glauben verkünden wolle meinte ich gleichzeitig auch, ich sei ein besserer Mensch. Das bin ich nicht.

Aber unser Glaube will verkündet werden. Wir würden eine ganz wesentliche Aussage Christi abschneiden, wenn wir das nicht mehr tun würden. Dann könnten wir das Glauben auch gleich lassen.

Toleranz ist aber wichtig, wie also geht das zusammen? Weil Mission nicht das Gegenteil von Toleranz ist. Proselytismus ist es, das Abwerben von Gläubigen. Wenn ich sagen würde „ich bin besser“, „ich habe die Wahrheit“, dann bin ich in der Tat intolerant, ich würde mich – in den Worten Papst Franziskus – der Begegnung verweigern. Oder wie er es den Verkündern des Glaubens, den Katecheten, gesagt hat:

„Passt gut auf! Ich habe gesagt, ihr sollt nicht als Katecheten ,arbeiten‘, sondern ihr sollt Katecheten ,sein‘, denn das heißt das ganze Leben einbeziehen. Erinnert Euch an das, was Benedikt XVI. uns gesagt hat: ,Die Kirche wächst nicht durch Proselytismus, sie wächst durch Anziehung.‘ Und das, was anzieht, ist das Zeugnis. Katechet sein, das heißt, den Glauben bezeugen, im eigenen Leben kohärent sein.“ (28. Sept 2013, Ansprache vor Katecheten)

Toleranz ist, dass ich nicht glaube, dass ich ein besserer Mensch bin und mir deswegen Rechte herausnehme, zu belehren, zu urteilen oder abzulehnen.

Das widerspricht aber nicht der missionarischen Kirche. Es wird interessant sein, beides im Alltag zusammen zu bringen, neu zusammen zu bringen. Die Debatten um Toleranz haben uns viel beigebracht, jetzt gilt es die beiden Straßengräben zu vermeiden: Intoleranz hier und Unwichtigkeit des eigenen Glaubens dort.

„Was heißt evangelisieren?“, fragt Papst Franziskus in seinem Tweet von diesem Montag. Und er gibt auch gleich selbst die Antwort: „Einfach voll Freude bezeugen, was wir sind und was wir glauben.“

Meine Religion ist nicht die bessere. Aber ohne die Dynamik der Weitergabe wäre sie keine Religion.

 

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27 Kommentare zu Toleranz? Toleranz!

  1. Arnd sagt:

    Ich habe über das Wochenende „Jesus von Nazareth-was er wollte, wer er war“ von Gerhard Lohfink zu Ende gelesen. Ein ausgezeichnetes Buch, auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie ich sein Wirken in der Katholischen Integrierten Gemeinde einordnen soll. Durch Jesus Christus ist die Thora Fleisch geworden, also die Wahrheit Fleisch geworden und hat sich in die Welt ausgesagt, so liest ma dort an einer Stelle singemäß. Am Prosyletismus ist nach meiner Auffassung nicht falsch, dass man konkludent sagt, dass man die Wahrheit kenne, sondern, dass man dem anderen bei der Missionierung die freie Entscheidung und Würde (auch in der Wahl der eigenen Mittel der Mission) lässt. Trotzdem bleibt Christus dem Christen natürlich die Wahrheit. Und man muss heute natürlich davon ausgehen, dass in den erschlossenen Teilen der Welt jeder von den großen Weltreligionen bereits gehört hat und sich informieren kann. Das bedeutet, dass man am besten durch das Beispiel des eigenen Lebens neugierig auf Jesus machen kann und sich dafür nicht mit einer Bibel an die Straßenecke stellen muss, um zu verkündigen.

    • S.G. sagt:

      „Rede nicht ungefragt über deinen Glauben, aber lebe so, daß du gefragt wirst.“

      • AM sagt:

        @S.G 🙂 korrekt, einige nicht wenige von Christen neigen unglücklicherweise dazu zu oft und dazu zu autoritär über den Glauben zu sprechen, anstatt mit dem Vorleben zu glänzen. Gilt auch fürs Schreiben hier. Benedikt XVI. hat mal gesagt, das Internet sollten wir Christen durchaus nutzen, nicht aber, um über den Glauben/die Religion zu schreiben, sondern mit dem Geschrieben die christlichen Werte „darstellen“. So ca. hat Er gemeint.

        • S.G. sagt:

          @AM: Ich habe noch einen schönen Satz, der von Mutter Teresa stammt, die eh mein riesengroßes Vorbild ist (über sie bin ich zur Hospizarbeit gekommen ;O)):
          „Früher glaubte ich, ich müsste die Menschen bekehren, jetzt weiß ich, ich muss lieben – und die Liebe bekehrt, wen sie will.“ Ist der Satz nicht wunderbar?
          Jesus hat auch nicht über Gott gesprochen sondern er handelte mit Gott.

          • AM sagt:

            Ja, @S.G., weil Gott die Liebe ist. Mutter Teresa hat dies sehr schön und weise gesagt 🙂

  2. NonKonform sagt:

    Entweder ich glaube IHM – der fleischgewordenen Wahrheit (und das tue ich!) oder ich halte das Christentum für eine Religion, zu der es Alternativen gibt. Und dann könnte ich natürlich überlegen, ob es bessere gibt. Mit anderen Worten: es geht doch nicht um besser oder schlechter, sondern um falsch oder richtig. Das ist aber natürlich alles eine Sache des Glaubens. Und ich glaube Jesus Christus, wenn ER sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“
    Insofern verstehe ich unter tolerieren, das was es auch eigentlich bedeutet: nämlich dulden (und zwar voller Bedauerns) und keinesfalls gutheißen. Eben weil mir die Anderen nicht egal sind und ich an SEINEM Wort festhalte.

    • Otto sagt:

      Welche „Wahrheit“ ist hier gemeint, meinen Sie – die im alttestamentlich-hebräischen oder die im griechisch-philosophischen Sinn?

      • Jeannette Meyer sagt:

        @ Otto
        Ihre Frage ist eine alte Frage, der sich schon der hl. Paulus zugewandt hat.
        „Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.“
        Die Lektüre von 1 Kor 1 mag in diesem Zusammenhang grundsätzlich lohnend sein.

      • Papst Benedikt sagt: es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Ich meine, es geht nicht um richtig oder falsch, Wahrheit oder nicht Wahrheit, sondern: näher bei Gott sein oder weiter entfernt von Gott sein. Durch Jesus Christus haben wir die Gelegenheit, näher bei Gott sein zu können, und das bei jeder Gelegenheit, wenn es sich ergibt, wenn über Religion gesprochen wird, den eigenen Glauben erklären, ohne den Glauben des anderen zu kritisieren oder in Frage zu stellen.

        • Otto sagt:

          Dem läßt sich zustimmen. Bleibt noch die Frage, warum die jeweilige „Distanz“ zu Gott (näher-ferner) offenbar davon unabhängig ist, ob ich hellwach bin oder tief schlafe, sprich nichts von ihr weiß?

          • Pflanzen und Tiere „wissen“ nichts von Gott, sie sind sowieso bei Gott, weil sie ein Teil von Gottes Schöpfung sind, weil sie nicht durch einen persönlichen Willen, durch „Egoismus“, von Gott getrennt sind. Auch der Mensch ist natürlich ein Teil von Gottes Schöpfung. Der Mensch hat einen Verstand. Er wird zwangsläufig immer irgendwann die Fragen stellen: wieso, warum, weshalb? „wer bin ich, wo komme ich her, wo gehe ich hin?“ Das ist der Anfang vom „Aufwachen“. Aufwachen ist in den Menschen natürlicherweise angelegt. (meiner Meinung nach)

          • Otto sagt:

            Wenn ich Sie richtig versteh, wurde der Homo religiosus zu dem Zeitpunkt geboren, als er sich fragen konnte, wohin seine Ahnen gehen bzw. gegangen sein könnten. Aber sind nicht auch Tiere auf sich (und ihren Nachwuchs) bedacht, auch wenn sie nicht ich sagen, aber vielleicht empfinden können (wie z.B. ansatzweise die Primaten).

          • Peter Lehmann sagt:

            @Otto
            Und nicht nur Tiere sind Egoisten, auch Pflanzen. Jede Pflanze nutzt die ihr gegebenen Möglichkeiten (Wasser, Nährstoffe, Sonneneinstrahlung) um möglichst schnell, möglichst schneller als die Konkurenz zu wachsen und nimmt dabei billigend in Kauf, dem Konkurenten alle diese Grundlagen (Wasser, Nährstoffe, Sonneneinstrahlung ) zu entziehen.
            Einzig (mir fällt da nichts anderes ein) bei den Insektenstaaten, scheint es zumindest innerhalb des Staates keinen Egoismus zu geben. Auffallend dabei ist, dass es sich um matriarchalisch geführte Staaten handelt.

          • Otto sagt:

            Haargenau, man beobachte die Natur im Regenwald und die fleißigen Blattschneideameisen. Doch findet man neben dem reinen Pflanzen- und Tieregoismus auch bewundernswerte Symbiosen.

        • NonKonform sagt:

          Papst Benedikt hat sicher damit nicht gemeint, dass man einen Umweg nehmen kann, denn Jesus ist GOTT! Verzeihung, falls ich Ihnen Unrecht tue, aber beim Lesen entsteht bei mir der Eindruck, Sie halten IHN nur für einen Propheten von vielen(?)
          ER ist und bleibt eben der Stein des Anstoßes!

    • Peter Lehmann sagt:

      @NonKonform
      Endlich verstehe ich die Missionierung Lateinamerikas richtig, weil diese zwangsläufig (örtliche Trennung) nichts von Jesus erfahren haben und somit unmöglich zum Vater gelangen konnten. Wie edel und großmütig unsere europäischen, christlichen, Vorfahren doch waren. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen.

      • NonKonform sagt:

        @Peter Lehmann: Mir ist nicht ganz klar, worauf, Ihre Kritik nun eigentlich abzielt – darauf, was der Sohn GOTTES von sich behauptet oder dass ich daran glaube?
        Übrigens: durch die örtliche Trennung konnten unsere – europäischen – Vorfahren zunächst von Jesus (noch) nichts erfahren. Wie dankbar muss ich/müssen wir doch den Aposteln (Das Heil kommt von den Juden) für die Heidenmission sein, wohlwissend WEM mein Dank tatsächlich gehört.

        • Peter Lehmann sagt:

          @Nonkonform
          Kann es vielleicht sein, das Jesus nicht so kleinkariert gedacht hat ? Kann es nicht sein, dass er nicht sich persönlich, sondern seine Werte, die Liebe, gemeint hat ? Denn warum sollen Menschen in abgeschiedenen Gegenden, welche sich völlig natürlich an die ganzen von Jesus vermittelten Werte halten vom Vater abgewiesen werden. Nur weil sie nicht an Jesus persönlich glauben, glauben können, weil er ihnen völlig unbekannt ist ?

        • Otto sagt:

          Ist Jesus nur der Sohn Gottes für die Menschen auf der Erde oder gilt dieser Anspruch auch für menschenähnliche Wesen auf anderen, von der Erde örtlich getrennten Himmelskörpern?

          • Elasund sagt:

            @Otto, die einzige Antwort die ich zu dieser Frage jemals gelesen habe: C. S. Lewis, Religion and Rocketry

          • Arnd sagt:

            Spiegel Online am 12.5.14:
            Überirdisch: Papst Franziskus will Marsmännchen Taufe gestatten

            Rom – Papst Franziskus forderte die Priesterschaft der katholischen Kirche dazu auf, für alle Menschen offen zu sein – und darüber hinaus nicht nur für sie: Auch „die grünen Männchen mit der langen Nase und den großen Ohren, wie sie die Kinder zeichnen“, hätten ein Recht, getauft zu werden, wenn sie dies wünschten, sagte das Kirchenoberhaupt in seiner von Radio Vatikan übertragenen Morgenmesse am Montag.

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            Wenn „eine Expedition von Marsmännchen“ komme und eines von ihnen getauft werden wolle, sollte ihm dies nicht verweigert werden, mahnte der 77-jährige Argentinier.

            Hintergrund des Appells ist eine Debatte darüber, ob Priester Kindern von Eltern, die sich von der Kirche distanzieren, die Taufe verweigern dürfen. Der Papst spricht sich seit seiner Wahl im März vergangenen Jahres immer wieder für eine größere Offenheit der Kirche aus. Dabei findet er regelmäßig Worte, die Aufmerksamkeit erregen.

          • Pater Hagenkord sagt:

            Abgesehen davon, dass der Spiegel mal wieder nicht recherchiert hat, sind die Predigten des Papstes genau das: Predigten. Sie haben wunderbare und manchmal witzige Bilder – wie das der Marsmännchen – aber mehr ist das auch nicht. Wer den Papst – wie der Spiegel das hier tut – auf Kuriosa reduziert, verpennt die Botschaft.

          • Otto sagt:

            Danke für den Hinweis. Ihre „einzige Antwort“ ist schon älteren Datums. Inzwischen haben sich die Erkenntnisse weiterentwickelt – und es gibt auch neuere literarische Versuche wie „Sperling“ und „Gottes Kinder“ von Mary Doria Russell. Klar, dass die Jesuiten bei der ersten Mission zu den Außerirdischen dabei sind.

  3. marion sagt:

    Missionieren

  4. „Eine Religion wird immer dann tolerant, wenn sie nicht mehr an der Macht ist.“ Dieter Nuhr

    Schöne Grüsse aus der Ausstellung „Religionskritik“
    http://www.freidenker-galerie.de

    • Pater Hagenkord sagt:

      Ein ehe nicht wirklich originelle Einsicht, aber deswegen nicht falsch. Nuhr hat Recht. Und da sollten wir aus unserer eigenen Geschichte lernen. Dringend.

  5. Dorothee von Laer sagt:

    Es ist ein fester Glaube an die Größe des Herrn erforderlich um zu sagen, ich darf mit Christus meinen Weg gehen, es ist eine große Gnade, es ist der für mich erwählte Weg zu dem es für mich absolut keinerlei Alternative gibt, aber trotzdem kann das für andere Menschen anders sein. Die eigene Wahrheit nicht als universelle Wahrheit zu sehen und sie trotzdem konsequent zu leben, erfordert wohl eine innere Stärke und Bescheidenheit. Nur Gott versteht die Ordnung der Schöpfung und die Wege seiner Geschöpfe. Verurteilen und die Menschen in Schubladen ‚christlich‘ und ’nicht-christlich‘ stecken ist für mich mit der Liebe und Barmherzigkeit des Weges, den ich mit Christus meinem Herrn gehe, sehr fremd.

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