Vom Frieden reden in Zeiten des Krieges

Julikrise und Ultimatum, all dem wird im Augenblick ausführlich gedacht. Vor 100 Jahren begann das große Schlachten. Ende Juni der Mord am österreichischen Thronfolger, dann am 27. Juli das österreichische Ultimatum und der Beistand für diese aggressive Politik. Am 1. August 1914 waren es deutsche Ulanen, die die Grenze zu Belgien überschritten und damit den großen Krieg begannen, den wir den Ersten Weltkrieg nennen, andere Sprachen nennen ihn schlicht den Großen Krieg.

Es begann aber auch das Ringen um den Frieden, Bertha von Suttner fällt als Name ein, auch wenn sie einige Wochen vor Kriegsbeginn bereits starb.

Papst Benedikt XV., Giacomo della Chiesa

Papst Benedikt XV., Giacomo della Chiesa

Während des Krieges war es eine andere Stimme, die immer wieder versuchte, dem Schlachten ein Ende zu setzen: Papst Benedikt XV. Buchstäblich in den ersten Tagen des Krieges – im September 1914 – zum Papst gewählt war Krieg und Frieden das Thema seines Pontifikates.

Vor einem Jahr habe ich zu diesem fast vergessenen Papst einen Beitrag gemacht, den ich zu gegebenem Anlass hier noch einmal einstelle. Aktuell bleibt er.

 

Eine untergehende Welt

 

„Es muss das Schwert nun entscheiden; Mitten im Frieden überfällt uns der Feind, darum auf, zu den Waffen!“ Kaiser Wilhelm II. spricht vom Schwert, aber was den Menschen, die 1914 voller Elan in den Krieg zogen, begegnete, das waren keine Schwerter, sondern ein voll industrialisierter Krieg. Die Maschinenwaffen, der Soundtrack für eine zu Ende gehende Welt, der den vorläufigen Höhepunkt der stetigen Aufrüstung bedeutete, die sich bereits im Jahrhundert davor abgezeichnet hatte.

Die Historiker nennen es „das lange 19. Jahrhundert“: Was mit französischer Revolution und Napoleon begann, setzte sich in den Nationalstaaten fort, in Industrialisierung und Militarisierung, in einem völlig überzogenen Egoismus der Nationen Europas, in Kolonialismus und in vielen, vielen Kriegen. Die in den 60er Jahren, Deutschland gegen Österreich und der Bürgerkrieg in den USA, zeigten zuerst, wie sehr die Industrie die Kriegführung bestimmte, Telegraf und Lokomotive wurden genauso wichtig wie Bajonett und Stiefel. In den Schützengräben des Ersten Weltkrieges dann übernahmen diese von der Hand des Nationalismus geführten Industriewaffen vollständig die Herrschaft, mit furchtbaren Ergebnissen.

„Nun will man uns demütigen. Man verlangt, dass wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Überfall rüsten.“ Wenn man Kaiser Wilhelm II. schwadronieren hört, kann man verstehen, wie sehr die Zeit in ihrem verblendeten Nationalismus verhakt war. Und man könnte in diesem Zusammenhang auch andere Staatschefs nennen: rund um den Krieg ertönte es stolz, martialisch, uniformiert, national. Wie anders liest sich da eine Stimme, die seit 1914 immer wieder erklang, die aber im Donner der Geschütze und angesichts der Taubheit der stolz geschwellten Brust kein Gehör fand:

„Im Namen des allmächtigen Gottes, im Namen unsres himmlischen Vaters und Herrn, … beschwören wir euch, euch von der göttlichen Vorsehung an die Spitze der kriegführenden Völker Gestellte, endlich dieser grauenhaften Schlächterei ein Ende zu setzen, die nun schon ein Jahr Europa entehrt.“ Es ist die Stimme des Papstes, Benedikt XV. Vom Beginn des Krieges an und dann immer wieder äußert er sich gegen den Krieg, schreibt und schreibt, denkt an den Frieden und will seinen Teil zum Ende der „grauenhaften Schlächterei“ beitragen.

 

Benedikt XV.

 

Was für ein Mensch sitzt da auf dem Papstthron? Als 2005 der Name des neuen Papstes Benedikt XVI. verkündet wurde, da haben wir uns alle gefragt, warum Benedikt? Wer war der letzte Papst dieses Namens? Und warum will gerade Joseph Ratzinger die Verbindung mit diesem fast unbekannten Papst? Hören wir den Papst selbst dazu. 2006, in seiner Friedensbotschaft, erklärt er seine Entscheidung:

„Der Name Benedikt selbst, den ich am Tag meiner Wahl auf den Stuhl Petri angenommen habe, weist auf meinen überzeugten Einsatz für den Frieden hin. Ich wollte mich nämlich sowohl auf den heiligen Patron Europas, den geistigen Urheber einer Frieden stiftenden Zivilisation im gesamten Kontinent, als auch auf Papst Benedikt XV. beziehen, der den Ersten Weltkrieg als ein ‚unnötiges Blutbad‘ … verurteilte und sich dafür einsetzte, dass die übergeordneten Gründe für den Frieden von allen anerkannt würden.“ (Friedensbotschaft 2006, 2)

 

„Gesegnet, wer als erster den Ölzweig erhebt“

 

Die „übergeordneten Gründe für den Frieden“: Benedikt XV. steht für Ausgleich, Versöhnung. Die gleiche Botschaft von 1915, aus der wir schon gehört haben, zeigt, wie der Papst diesen Frieden gewinnen will. Noch einmal Benedikt XV.: „Niemand sage, dass dieser grausige Streit sich nicht ohne Waffengewalt schlichten ließe. (..) Möge doch jeder von sich aus dem Verlangen nach gegenseitiger Vernichtung entsagen. (..) Warum wollen wir nicht von nun ab mit reinem Gewissen die Rechte und die gerechten Wünsche der Völker abwägen? Warum wollen wir nicht aufrichtigen Willens einen direkten oder indirekten Meinungstausch beginnen, mit dem Ziel, in den Grenzen des Möglichen diesen Rechten und Wünschen Rechnung zu tragen, und so endlich dieses schreckliche Ringen zu beendigen, wie das in andern Fällen unter ähnlichen Umständen geschah? Gesegnet sei, wer als erster den Ölzweig erhebt und dem Feind die Rechte entgegenstreckt, ihm den Frieden unter vernünftigen Bedingungen anbietet.“ (Rom, Vatikan, 28. Juli 1915.)

„Er war pragmatisch und er war Diplomat. Er war meiner Meinung nach ein sehr politischer Papst mit Weitblick.“ Sabine Lauderbach befasst sich in einem wissenschaftlichen Projekt an der Universität Mainz mit Benedikt XV. „Ich würde sagen, dass er ein sehr aufgeschlossener Mensch war, ein offener Mensch, der die Welt begriffen hat. Das Bemerkenswerteste an diesen Schreiben ist die Sprache. Ich finde, dass die verwendete Sprache ziemlich drastisch ist, der Krieg wird als Geißel und als Selbstmord des zivilisierten Europa bezeichnet. Er benutzt sehr bildreiche und drastische Ausdrücke. Die Wortwahl in den Schreiben ist meiner Meinung nach einzigartig.“

 

Zwischen allen Stühlen

 

Nur vier Monate lang war er Kardinal gewesen, als ein das Konklave ihn zum Papst wählte. Es war bereits Krieg, der 3. September 1914. Einen Monat zuvor hatte der Kardinal bereits zum Konklave eine Rede gehalten, in der er die Notwendigkeit zum Frieden betonte; die Wählenden wussten also, was für einen Papst sie bekommen würden. Und was begonnen hatte, das setzt er den gesamten Kriegsverlauf über fort: Er schreibt über den Frieden.

„Es ist seine einzige Möglichkeit, seine Meinung kund zu tun und es ist für ihn ein Sprachrohr. Er ist jemand, der über Schriften, über Enzykliken und über Mahnrufe, die für Päpste ganz außergewöhnlich sind, versucht, die Menschen zu erreichen und ihnen seine Meinung mitzuteilen und sie zur Versöhnung und Frieden aufzurufen. Das ist das einzige Mittel, das er hat. Finden diese Schreiben Gehör? Nein. Da muss man ein ganz klares ‚Nein’ sagen. Öffentliche Schreiben waren eher ungeeignet, vor allem in der Anfangszeit, wenn man gegeneinander prallende nationalistische Strömungen vor sich hat. Man muss sich das so vorstellen, dass der Papst ein Schreiben veröffentlicht, dann liest der deutsche Episkopat dieses Schreiben und er geht davon aus, dass das eine Zuwendung zum französischen Episkopat ist, während dieser wiederum sagt, ‚Ach, das ist doch Blödsinn, was hier geschrieben wird, damit zeigt er uns doch nur, dass er auf der Seite der Zentralmächte steht’. Wie es von den Parteien empfunden wird, steht er nicht über den Parteien, sondern gerät mitten unter sie.“

Die Jahre ziehen ins Land, in den Schützengräben wird gestorben und man missversteht die Absichten des Papstes. Die Franzosen nennen ihn „pape boche“, benutzen also das Schimpfwort für die Deutschen, die Italiener „austriacante“, die Deutschen und Österreicher schimpfen auf den „Franzosenpapst“. Den Papst lässt es nicht kalt, dass er so gegen die Wände rennt, so Sabine Lauderbach:

„Er gerät immer wieder an Punkte, wo er sich wo er sich die eigene Einflusslosigkeit eingesteht, wo er zum Beispiel in einem Konsistorium vor seinen Kardinälen sagt, dass es scheinbar keinen Sinn hat, immer und immer wieder zu mahnen, dass keiner auf ihn und auf die Stimmen aus dem Vatikan hört. Es ist eine große Enttäuschung zu spüren, dass dem so ist. Aber er überwindet diese Phasen immer wieder, diese Phasen der Verzweiflung, wenn man es so nennen will, und kommt immer wieder in regelmäßigen Abständen mit einem Mahnruf heraus und veröffentlicht wieder etwas und ruft Katholiken, aber auch alle anderen, immer wieder zum Frieden auf.“

Idealismus und Pazifismus sind sicherlich ein Beweggrund für Benedikt XV., daneben die katholische Lehre vom gerechten Frieden, die er immer wieder anführt. Es sind aber auch ganz praktische und sehr menschliche Gründe, die ihn bewegen. „Im ersten Weltkrieg haben sich 200 Mio. Katholiken gegenüber gestanden. Man sagt, dass es 124 Mio. auf Seiten der Entente [Frankreich, England und Russland] und 64 Mio. auf Seiten der Zentralmächte [Österreich und Deutsches Reich] waren. Das waren insgesamt zwei Drittel aller Katholiken der damaligen Zeit. Die standen sich gegenüber, haben dem Nationalismus gefrönt, haben sich bekämpft, haben sich gegenseitig getötet, und in der Mitte steht dieser Papst. Was soll er tun?“

 

Praktisch und idealistisch, modern und traditionsbewusst

 

Mahnen. Das ist alles, was bleibt. Seine Enzykliken und Botschaften richten sich an alle kriegführenden Mächte. Darüber hinaus gibt es aber immer wieder auch konkrete Interventionen von ihm, zum Beispiel schreibt er dem König von England und beklagt die Einführung der Wehrpflicht für alle – das würde einer Militarisierung der Gesellschaft Vorschub leisten.

„Das sind keine Einzelmaßnahmen. Er richtet sich auch an die französischen Bischöfe oder die deutschen, er richtet sich an den Erzbischof von Warschau; es sind immer bestimmte Situationen und Ereignisse, die ihn dazu veranlassen, mit einzelnen Personen Kontakt aufzunehmen, aber das so öffentlich, dass alle anderen das auch registrieren.“

Hier wird ein Zug deutlich, der sich immer wieder durch seine Schriften und Aufrufe zieht: Eine Kombination von Idealismus und Pragmatik. Er will Frieden und Versöhnung, denkt aber immer auch konkret. Noch einmal Sabine Lauderbach:

„Grundsätzlich hat er natürlich vorneweg immer die Versöhnung gefordert, die Versöhnung und die Verständigung zwischen den Völkern, zwischen den Menschen. Er hat immer betont, dass alle Menschen Brüder und Söhne des gleichen Vaters sind. Er war aber ganz pragmatisch und realistisch der Meinung, dass dazu noch mehr gehört, nämlich die Lösung der wirtschaftlichen Fragen und insbesondere der Reparationsfragen, der Ausbau ökonomischer Beziehungen, die Freiheit der Verkehrswege und der Meere, die Zusammenarbeit – wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell. Es ging um Austauschbeziehungen und es ging darum, Verflechtungen zu schaffen. Das war ein ganz realistischer Ansatz, wie ihn andere große Europäer, wenn wir sie denn so nennen möchten, auch vertreten haben. Er war auf der einen Seite ganz pragmatisch, aber immer begründet im katholischen Lehramt und den Traditionslinien auf der anderen Seite.“

 

Kritik am Krieg, Kritik am Frieden

 

Aber auch hier scheitert er. Als der Krieg endlich vorbei ist, die Zentralmächte kapituliert hatten und es an die Gestaltung einer Friedensordnung ging, musste die Kirche draußen bleiben. Benedikt XV. darf an dem Projekt, für das er so lange gearbeitet und geschrieben hatte, nicht teilnehmen: Am Frieden machen. Italien war auf Seiten Englands und Frankreichs, der Entente. Dafür bekam es zugesichert, dass der Papst nicht an Nachkriegskonferenzen teilnehmen dürfe, um die so genannte ‚römische Frage’ nicht öffentlich stellen zu können, also die Frage nach einem Kirchenstaat. Dementsprechend hart fällt Benedikts Kritik am Ausgang dieser Verhandlungen, dem Versailler und anderen Verträgen, aus.

„Durchaus, und zwar in der Enzyklika ‚Pacem Dei Munus’ vom Mai 1920 – zu Pfingsten erschienen – auch diese Enzyklika war wieder ein Sprachrohr, das er genutzt hat, seinen Missmut über die Verträge oder über die Ergebnisse der Verträge auszusprechen. Man muss sich das so vorstellen: Benedikt hatte Hoffnung, dass bei den Nachkriegsverträgen gerade für Europa eine Neuordnung gefunden wird, die dauerhaft und stabil sein könnte und den Frieden bringen würde. Die Beschlüsse der Konferenz standen dem diametral entgegen, was er sich vorgestellt hatte. Es gab keine Überwindung des Nationalismus, sondern Nationalitäten wurden gestärkt. Ein großes Problem war die Reparationsfrage, die man im Vatikan immer wieder thematisiert hat. Man fand, dass die Reparationen zu hoch sind. Man wollte, dass sie verringert werden und dass Deutschland in der Lage ist, sich auch wirtschaftlich wieder zu entwickeln. Es wurden keine Beschlüsse getroffen, was Abrüstung anging. Es war ein Vertragswerk, dass beim Heiligen Stuhl immer wieder in die Kritik geriet.“

Insbesondere eine der Ideen Benedikts XV. scheint auch heute sehr modern: Abrüstung. „Die Abrüstung ist von ihm als eine der Voraussetzungen definiert worden, damit ein Frieden dauerhaft sein kann, gerade in Europa.“

 

Ein Europäer

 

Benedikt war auch für die Idee des Völkerbunds als ein Mittel der Verflechtung und der Friedenssicherung; deshalb trat er für die Teilnahme auch der Verliererstaaten ein, wieder etwas, was die Sieger nicht wollten. Er war nicht grundsätzlich gegen Nationalstaaten, er wollte sie aber in ein größeres Netzwerk eingebunden wissen. Damit war er vielleicht sogar realistischer als seine Nachfolger auf dem Stuhl Petri:

„Man muss bei Benedikt vorausschicken, dass er zum Beispiel anders als Pius XII. nicht daran geglaubt hat, dass die Nationen überwunden werden können. Er hat gesagt ‚Nationen sterben nicht’, während Pius gedacht hat, dass man die Nationen eigentlich ein einer Art Bund auflösen könnte. Benedikt glaubt an den Nationalstaat, er glaubt auch daran, dass der Nationalstaat etwas Gutes sein kann, wenn der Nationalismus eben nicht übersteigert ist, sondern in normalen geregelten Bahnen verläuft, falls man das überhaupt so sagen kann.

Auch das sind ungemein aktuell klingende Gedanken. Wahrscheinlich ist er beides: Modern, indem er die Welt seiner Zeit begriffen hat, und gleichzeitig verankert im Denken der Kirche und den Traditionen des Friedens. Dazu in seinen Konzepten pragmatisch und idealistisch zugleich. Umgesetzt werden konnte davon nichts, es blieb das Mahnen. 1931, als sich die nächste Nationalisierung und Militarisierung in Deutschland ankündigte, druckte deswegen auch der spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky den schon mehrfach gehörten Text von 1915 noch einmal in seiner Zeitschrift ‚Weltbühne’ ab.

Ein gescheiterter Papst? Man darf Benedikt XV. nicht auf seine Friedensanstrengungen reduzieren, er setzt das erste Kirchenrechtsbuch, den Codex von 1917 in Kraft und organisiert die kirchliche Mission radikal neu, indem er auf den Aufbau eines lokalen Klerus setzt und nicht mehr auf das Senden von Missionaren, alles bedeutende Weichenstellungen. Aber es sind eben doch die Ereignisse des Krieges und die Nachkriegsjahre, die sein Pontifikat und damit ihn selber geprägt haben.

„Was von ihm bleibt, ist das, was man eine pazifistische Leitlinie nennen könnte, die sich durch die Pontifikate ins aktuelle Pontifikat zieht. Er spürt eine Verantwortung für die Menschen und in dem Fall kann man ihn schon als Europäer bezeichnen, als jemanden, der bereits im Ersten Weltkrieg an eine europäische Vereinigung glaubt. Er glaubt daran, dass das, was später tatsächlich in der EWG und heute in der EU möglich ist, möglich sein kann. Und daran glaubt er schon 1916 und 1917.“

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Ein Kommentar zu Vom Frieden reden in Zeiten des Krieges

  1. Peter Lauschus sagt:

    Und keiner hört zu…

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