Zeremonie und Liturgie

Papstmesse in Santa Marta

Papstmesse in Santa Marta

Ein Gedanke aus einem Vortrag und einer Diskussion von gestern hier in Rom, der ziemlich gut zusammen fasst, was mir seit einiger Zeit im Kopf herum geht: theologisch hat die Art und Weise dieses Papstes, sein Pontifikat zu gestalten und auszuüben, Konsequenzen. Es ist nicht einfach nur „seine Art“ und „irgendwie argentinisch“, es will und muss auch unser Denken in Gang setzen.

Der Papst ist nicht der Lebenswirklichkeit heute entrückt. Dieser Papst baut Distanzen ab, wo er nur kann: Das Auto, die Umarmungen, die Sprache, all das ist kein Hof und nicht die Sprache der Vatikan, die sich in 150 Jahren etabliert hat. Man muss sehr genau hinschauen, er ist nicht der Priester, der sich einfach so eine Stola über den Pulli wirft wie das die Unsitte noch in meiner Jugend war. Er weiß sehr wohl, was Gott gebührt und was den Menschen. Aber er als Papst lebt nicht in einer anderen Welt. Die Folgen: Priester und Bischöfe sind wie der Papst ebenfalls nicht entrückt.

 

Was ist ein guter Papst?

 

Nun braucht man das den meisten Priestern nicht zu sagen, im Gegenteil, die werden mir den Vogel zeigen, wenn ich sie von Rom aus aufrufe, mehr unter den Menschen zu sein. Und das mit Recht. Aber es gibt eben ein grundsätzliches Verstehen von Priester als irgendwie anders. Von Bischof mal ganz zu schweigen. Und das wird durch den Papst in Frage gestellt.

Theologisch hat das Folgen für die Begründung: Was ist ein guter Bischof? Was ist ein guter Priester? Was ist ein guter Papst? Das wird nicht entschieden durch Sätze und die Angleichung an heilige Vorbilder, sondern durch die Menschen, denen man dient. Nicht durch deren Vorurteile und manchmal muss man auch prophetisch widersprechen, aber die Regel hält auch das aus. Das „Volk“ (ein im deutschen etwas schwieriger Begriff) entscheidet, nicht ein Ideal. In den Worten des Papstes aus Evangelii Gaudium: Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee.

Wenn ich den letzten Gedanken noch einmal ausbauen darf: Jeden Tag spricht der Papst in den Predigten eine Sprache, die sehr verständlich ist. Manchmal sind uns die Bilder fremd, aber da ist etwas drin, was anspricht. Dasselbe galt auch für Papst Benedikt, wie mit diesem Blog vertraute Leser erinnern werden: Auch Papst Benedikt hat bei seinen Katechesen so gesprochen, dass nicht nur Theologen verstanden haben, worum es ging.

Bei Franziskus ist das aber noch einmal eine Spur stärker, weil es mit seinem Auftreten in einer Wucht daher kommt, die gerne einmal überfordert.

Franziskus’ Verständlichkeit misst sich am Verstehen der Menschen. Er zitiert kaum Kirchenväter, das Kirchenrecht, Papstdokumente der Vergangenheit. Dieser Kurialstil ist ihm sehr fremd.

Theologisch hat das eine ähnliche Spitze wie schon erwähnt: Amt in der Kirche wird übertragen, versteht sich aber von den Menschen und ihrem Verstehen her, nicht von einem Ideal her.

Sein langer Abschnitt in Evangelii Gaudium über die Predigt und ihre Vorbereitung ist ein klares Signal in diese Richtung; das ist nicht nur praktisch und interessant, das hat Auswirkungen auf das Verstehen vom Amt und seiner Ausübung.

Wir haben im Augenblick Probleme, theologisch verantwortet vom Amt in der Kirche zu sprechen. Da wird von der Aufhebung des Zölibats gesprochen, ohne zuerst zu fragen, was das eigentlich ist, das Amt. Es ist eben keine praktische und pragmatische Einrichtung, sondern mehr. Es geht auf die Vollmacht zurück, die der Gemeinschaft der Glaubenden durch Jesus selber gegeben ist. Der Papst zeigt uns, wie er das heute lebt und in seinen Predigten wird immer und immer wieder klar, dass das auch für uns Priester gelten soll.

Ganz deutlich wird das in der Unterscheidung von Liturgie und Zeremonie, die der Papst in atemberaubend klarer Weise vorlebt: Wenn er die Messe feiert, dann gibt es kein „buona sera“, keine Umarmungen, keine Gesten, nichts von dem, was ihn so authentisch macht. Denn bei der Messe geht es um die Messe, nicht um ihn. Anders bei Zeremonien, die sind ja ihrer Natur nach um die Person gestrickt oder besser um das Amt. Hier tut er, was er kann, um diese herunter zu fahren, damit sie ja nicht so aussehen, als ob sie Liturgie wären. Hier baut er die Distanzen ab.

Das hat mit Theologie des Amtes zu tun. Da gibt es sicherlich in der Zukunft noch mehr zu denken, aber mir scheint es wichtig, damit schon jetzt zu beginnen.

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5 Kommentare zu Zeremonie und Liturgie

  1. Josef Lunzer sagt:

    Sehr geschätzter Pater Hagenkord, danke für die Darlegung ihrer Gedanken. Ich finde, Papst Franziskus setzt das „Aggiornamento“ von Papst Johannes XXIII in sehr berührender Weise fort. Er hilft uns so, den Blick auf das eigentliche Wesen der Kirche frei zu bekommen. Ein Vorteil ist dabei sicher auch, dass er vom „anderen Ende der Welt“ kommt und so oft unbefangener agieren kann.

  2. Silvia Brückner sagt:

    Sehr interessante Ausführungen. Ich wünschte, sie würden von vielen Kritikern unseres Papstes gelesen und „man“ würde sie im Herzen bewegen.

    Schmunzeln musste ich über „irgendwie argentinisch“. Wie käme denn Jesus „da rüber“? Auch „irgendwie ganz anders“, nur wird das von Manchen gerne ignoriert.

  3. Suarez sagt:

    Ich hätte zwar auch nichts gegen Umarmungen und Buonasera in der Messe und habe durchaus auch einmal eine sehr intime und würdige Messe mit einem Pfarrer, der sich die Stola über den Pulli zum Hochgebet gelegt hat, erlebt, kann aber doch dem Grundduktus des Artikel gut folgen.
    Viel wichtiger: Eine Diskussion zu dem, was das Amt in der Kirche ausmacht und eine tiefgreifende Reform des Amtes sind dringender denn je. Und dabei wird der Sonderweg der lateinischen Kirche fallen müssen. So wertvoll und erhaltenswert der Zölibat wäre – er gehört ins Kloster zum Mönch und zur Nonne. Die sonntägliche Eucharistiefeier, das Buß- und das Krankensakrament dürfen unter einer Zugangsvoraussetzung, die biblisch zwar begründbar, aber biblisch auch keineswegs notwendig ist, nicht leiden.

  4. Klaus Lutterbüse sagt:

    Pomp und rechtes Maß

    Das Amt ist mehr doch als der Mann,
    drum zieht sich der entsprechend an,
    trägt Mitra, Stab, besond’re Zeichen,
    um Geltung so zu unterstreichen.

    Hier kann man leicht auch übertreiben,
    so dass sich Menschen daran reiben.
    Dann sollte man sich auch nicht schämen,
    gar manches klug zurückzunehmen:

    Das Äuß’re sei nicht stolze Bürde:
    es unterstreiche schlichte Würde!

    Klaus Lutterbüse

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