Im Lagerdenken gefangen

Es ist ein Charakteristikum der Verwirrung, dass die Schuld immer beim Anderen liegt. Oder so könnte man meinen.

Wir haben kirchlich schwierige Wochen hinter uns, der so genannte Kommunionstreit war komplex und zog sich hin, Briefe hin und Erklärungen her, und die Berichterstattung war auch nicht immer hilfreich.

Ist das nun Erneuerung oder Bewahrung? Sala della Benedizione, Vatikan

Ist das nun Erneuerung oder Bewahrung? Sala della Benedizione, Vatikan

Das Schlimmste an der Sache war wohl die Feststellung, wie wenig Menschen sich für derlei noch interessieren. Hier wurden Menschen verprellt, hier wurde nicht für den Glauben geworben, nicht christliches Leben gezeigt, sondern Zank und schlechte Kommunikation und so weiter. Nicht schön.

Innerkirchlich stärkt das das Lagerdenken. Das sich meistens auf Lager bezieht, die es so gar nicht gibt. Ein Beispiel, hier aus der Berichterstattung einer großen deutschen Wochenzeitung.

Zitat: „Im konkreten Fall haben sich die Bischöfe darüber zerstritten, ob evangelische Protestanten ihre katholischen Ehepartner in Zukunft zur Kommunion begleiten dürfen.“

Erstens: Die Bischöfe sind nicht zerstritten, über drei Viertel waren sich einig. Zweitens: was bitte sind „evangelische Protestanten“? und drittens: es ging gar nicht um „dürfen“, also um eine generelle Erlaubnis. Aber um das verstehen zu können hätte man genauer hinschauen müssen.

 

Genau hinsehen

 

Im Bericht – ganz lagergedacht – wird dann die Frage gestellt: „Haben die deutschen Bistumschefs noch die Kraft, einen gemeinsamen Ausweg zu finden? Einen, der Liberalen, Moderaten, Konservativen und auch noch Rom passt?“

Wer dem Blog schon länger folgt weiß, dass ich diese Kategorien für nicht sehr zielführend halte. Ich sage „konservativ“ und alle glauben zu wissen, was ich meine. Was aber in Wirklichkeit passiert ist das Zücken von Vorurteilen, die sich bei einem solchen Wort automatisch regen. Das Gleiche gilt für „Moderate“ oder auch „Liberale“ oder „Fortschrittliche“ oder „Moderne“, suchen Sie sich was aus.

 

Das Zücken von Vorurteilen

 

Der Bericht, den ich hier anonym zitiere, schließt dann auch mit dem Satz, dass keines der „Lager“ wisse, wie es weitergehe.

Im normalen Sprachgebrauch ist das genau so verbreitet, man wähnt sich progressiv, modern, aufgeschlossen, oder treu, konservativ, und tut doch nichts Anderes als durch diese Worte Vorurteile wachzurufen.

Den Kolleginnen und Kollegen mag ich sagen, dass die Verwendung von derlei Lager-Etiketten nichts erklärt. Gar nichts. Das ist schlechter Journalismus, weil er nicht verstehen will, sondern sich mit dem Vorurteil zufriedengibt. Mein Vorwurf ist also der des mangelnden Interesses.

 

Werch ein illtum!

 

Allen anderen: wer wirklich hören und verstehen will, was der jeweils andere meint – ganz gleich ob man dafür oder dagegen ist – der muss raus aus dem Lagerdenken. Das ist unbequem, aber es ist der einzige Weg.

Wer es ironisch mag, hier noch mal und immer wieder Ernst Jandl: „manche meinen // lechts und rinks // kann man nicht // velwechsern. // werch ein illtum!“ (Lichtung)

 

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Ein Kommentar zu Im Lagerdenken gefangen

  1. carn sagt:

    “Allen anderen: wer wirklich hören und verstehen will, was der jeweils andere meint – ganz gleich ob man dafür oder dagegen ist – der muss raus aus dem Lagerdenken. Das ist unbequem, aber es ist der einzige Weg.”

    Leider ist das Lagerdenken bei politischen Themen in vielen Fällen unvermeidbar, denn die Menschen organisieren sich bei vielen politischen Fragen in Lagern. Und die Lager haben dann häufig übereinstimmenden Meinungen zu verschiedenen Themen.

    Das sollte natürlich in der Kirche nicht passieren, die Kirche soll ja nicht oder nicht nur von dieser Welt sein.

    Aber es passiert auch leider da. Vielleicht nicht beim Kommunionsstreit; aber bei anderen Themen.

    Man muss natürlich versuchen, sich davon zu lösen, aus diesem Denken rauszukommen. Aber wo dieses Denken auftritt, muss man es auch wahrnehmen; sonst kann man ja nichts tun.

    Vielleicht wäre es ein netter Versuch das Lagerdenken zu durchbrechen, indem vermeintliche Köpfe verschiedener Lager etwas wirklich gemeinsames machen, wo dann jeweils beiden Lagern etwas quasi “zugebillig” wird um das Lagerdenken zu durchbrechen?

    Z.b. als spinnerte Idee: Kardinal Sarah und Kardinal Marx feiern gemeinsam Messe; in einer geeigneten Kirche z.b. auf Lampedusa; Marx hält Predigt über AL; natürlich tridentinische Messe; und natürlich Kommunion nur auf Knien.

    Das würde die Lagerdenker zumindest verwirren.

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